dpa

Imker Ackermann: Der Mann, den alle fragen, wenn es summt

Vom Tischler zum Bienen-Versteher: Wie ein Duft aus Kindertagen das Leben von Holger Ackermann veränderte – und warum heute ganz Brandenburg bei Bienenfragen bei ihm anklopft.

22.06.2026

Der Bau- und Möbeltischler hat über Jahrzehnte Bibliotheken eingerichtet und ausgestattet. Patrick Pleul/dpa

Der Bau- und Möbeltischler hat über Jahrzehnte Bibliotheken eingerichtet und ausgestattet. Patrick Pleul/dpa

© Patrick Pleul/dpa

Das Gras im Vorgarten stand bis vor ein paar Wochen etwa einen halben Meter hoch. Jetzt liegt es abgemäht zwischen Beerensträuchern, Stauden und Melonenpflanzen. Holger Ackermann hält sich bewusst an den „mähfreien Mai“ – im Sinne der Insekten. 

„Das gefällt nicht jedem im Dorf, auf anderen Grundstücken laufen die Mähroboter“, sagt er und lächelt. Der 63‑Jährige gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Imkern Brandenburgs. Wer in der Region Fragen zu Bienen, Wespen oder Hornissen hat, landet oft bei ihm – ob Nachbarn, Behörden oder Medien.

Was auf dem Zeidlerhof in Groß Schauen (Oder-Spree) wie ein etwas wilder Garten wirkt, ist für Ackermann Teil seines Prinzips: Natur nicht aufräumen, sondern verstehen. Es ist ein kleiner Ausschnitt eines Lebens, das sich ganz den Bienen und ihrem Umfeld verschrieben hat – und das vergleichsweise spät begonnen hat.

Geruch eines Bienenstocks ruft Erinnerungen hervor

Als Holger Ackermann im Jahr 2000 wieder den Duft eines Bienenwagens riecht, ist es ein Moment, der nachwirkt. „Da hat es bei mir Klick gemacht im Kopf“, sagt er. Eine Erinnerung aus der Kindheit kehrt zurück. Damals hatte er erste Begegnungen mit Bienen, Honig, einem alten Imker und den besonderen Geruch im Bienenhaus. Jetzt löst der Geruch etwas in ihm aus und seine Begeisterung spricht sich herum in der Nachbarschaft.

Einen Bienenstock öffnet Ackermann möglichst selten, da dies die Bienen stört.Patrick Pleul/dpa

Einen Bienenstock öffnet Ackermann möglichst selten, da dies die Bienen stört.Patrick Pleul/dpa

© Patrick Pleul/dpa

Ein erfahrener Imker stellt ihm kurzerhand mehrere Völker vor die Tür. „Ich hatte nichts vorbereitet“, erinnert sich Ackermann. „Und plötzlich standen da die Kisten.“ Was folgt, ist ein Lernen in der Praxis: beobachten, beschreiben, verstehen. Nicht durch Lehrbücher allein, sondern durch genaue Wahrnehmung. „Ich musste lernen, die Bienen von außen zu beurteilen. Den Bienenstock öffnen, das ist wie eine Operation, die drinnen alles durcheinander bringt“, sagt er. Daher tue er dies so selten wie möglich.

Ein zweites Leben neben dem Beruf

Der Bau- und Möbeltischler hat über Jahrzehnte Bibliotheken eingerichtet und ausgestattet. Die Imkerei wächst zunächst nebenbei – und entwickelt schnell eine Dynamik, die er selbst unterschätzt. Aus drei Völkern werden immer mehr. Zeitweise sind es über 40. 

Doch der Erfolg hat Grenzen. Die Doppelbelastung aus Beruf und Imkerei fordert ihren Preis. „Arbeit und Hobby ließen sich nicht mehr vereinen“, sagt Ackermann. Er macht Verluste, stößt an organisatorische und körperliche Grenzen – und zieht Konsequenzen. Heute arbeitet er bewusster, mit weniger Völkern und einem anderen Anspruch. „Ein Maximum abschöpfen von den Tieren - das sollte man nicht machen“, sagt er. Die Erfahrung habe ihn gelehrt, den Bienen mehr Raum zu lassen – und nicht alles kontrollieren zu wollen. 

Die Biene als Schlüssel zum Leben

Für Ackermann ist die Imkerei längst mehr als ein Handwerk. Sie ist ein Zugang zu größeren Zusammenhängen. „Die Honigbiene ist ein ganz wichtiges Schlüssellebewesen“, sagt er. Er beschreibt sie nicht nur als Bestäuber, sondern als Teil eines komplexen ökologischen Systems – als Grundlage für Vielfalt, für Nahrung, für das Gleichgewicht von Lebensräumen. 

Immer wieder rutscht er dabei ins Philosophische. Er spricht von der Rolle der Bienen in der Evolution, vom Zusammenspiel zwischen Pflanzen, Tieren und Menschen. Und er zieht Parallelen zum gesellschaftlichen Leben. „Die Bienen arbeiten, ohne sich ein persönliches Vermögen zu schaffen, sondern für die Gemeinschaft“, sagt er. 

Eine Stimme für die Imkerei

In Brandenburg ist Ackermann heute weit mehr als ein praktizierender Imker. Er ist Vermittler, Ansprechpartner, Gesicht der Branche. Als Obmann für Öffentlichkeitsarbeit im Landesverband brandenburgischer Imker steht er im Austausch mit Medien, Politik und Öffentlichkeit. Wer über Bienen berichtet, landet oft bei ihm.

Seine Schatzkiste mit Imkerei-Utensilien und -Produkten zeigt er gern bei Vorträgen. Patrick Pleul/dpa

Seine Schatzkiste mit Imkerei-Utensilien und -Produkten zeigt er gern bei Vorträgen. Patrick Pleul/dpa

© Patrick Pleul/dpa

„Wenn irgendwas mit Bienchen los ist, wendet man sich an Holger“, sagt Susann Kopacek vom Vorstand des Landesverbands. Sein Engagement reiche weit über Interviews hinaus. Ackermann ist auf Messen vertreten, organisiert Bildungsprojekte für Kinder und Jugendliche, arbeitet mit Ministerien zusammen und entwickelt Informationsmaterialien.

„Der Große mit der Schiebermütze“

Kopacek beschreibt ihn als „Tausendsassa“, als jemanden, der die Imkerei auf vielen Ebenen mitträgt und prägt. Seine Erfahrung und seine Präsenz haben ihn zu einer zentralen Figur gemacht. „Ein Landesverband ohne Holger Ackermann ist schwer vorstellbar. Der Große mit der Schiebermütze - in Brandenburg ist er wirklich schon eine Marke“, sagt sie. Wer Ackermann begegnet, erlebe nicht nur Fachwissen, sondern eine besondere Ausstrahlung. „Er strahlt einfach eine unglaubliche Ruhe aus“, sagt Kopacek. 

Aufklärung statt Angst

Ein wichtiger Teil seiner Arbeit ist Aufklärung. Ackermann erklärt Unterschiede zwischen Bienen, Wespen und Hornissen, nimmt Ängste und vermittelt Wissen. Nach Einschätzung von Kopacek hat er damit das Verständnis in der Bevölkerung nachhaltig verändert. „Da hat er eine Riesenaufklärungsarbeit geleistet“, sagt sie. 

Das bestätigt auch seine Nachbarin Kerstin Walter. „Er hilft auch ganz schnell, überall“, sagt sie. Für viele in der Region sei der Imker die erste Anlaufstelle – egal ob es um Bienen, Hornissen oder andere Fragen rund um Natur und Garten geht. „Alle kommen und fragen“, sagt Walter. Sie war erst kürzlich mit ihrer Selbsthilfegruppe zu Gast bei ihm. Bei Kaffee und Bienenstich aus eigenem Honig gab es einen Bienenvortrag. „Alle waren begeistert“, erinnert sich Walter.

Pädagoge aus Überzeugung

Nach dem Ende seiner Tätigkeit als Tischler arbeitet Ackermann heute als Umweltpädagoge. Er vermittelt Wissen über Wald, Bienen und ökologische Zusammenhänge – und knüpft damit an das an, was er schon lange tut: erklären, begeistern, verständlich machen. „Viele haben mir gesagt: Das liegt dir“, sagt er rückblickend. 

Dreimal pro Woche pendelt der 63-Jährige für seine Arbeit nach Eberswalde. „Er hat dafür noch die Kraft. Es ist einfach sein Lebenselixier“, sagt seine Frau Roswitha, während sie für eine Besuchergruppe auf dem Hof in einer Sitzecke einen langen Tisch eindeckt. Er gibt unterdessen ein Interview, ganz in Ruhe.

Holger Ackermann kam erst mit etwa 40 Jahren zur Imkerei.Patrick Pleul/dpa

Holger Ackermann kam erst mit etwa 40 Jahren zur Imkerei.Patrick Pleul/dpa

© Patrick Pleul/dpa

Holger Ackermann fasziniert, wie Bienen für die Gemeinschaft arbeiten.Patrick Pleul/dpa

Holger Ackermann fasziniert, wie Bienen für die Gemeinschaft arbeiten.Patrick Pleul/dpa

© Patrick Pleul/dpa