IWH-Chef: Entwicklung im Osten wird zu oft problematisiert
Bei der Beschäftigung mit Ostdeutschland werden häufig Probleme wie Abwanderung oder Fachkräftemangel thematisiert. Viel zu häufig, beklagt ein führender Volkswirt. Der Osten sei nicht benachteiligt.
IWH-Präsident Reint Gropp.Sebastian Christoph Gollnow/dpa
© Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint Gropp, beklagt eine zu negative Sichtweise auf die Entwicklung in Ostdeutschland. „Ich bin der Meinung, dass diese Diskussion über Ostdeutschland als ein benachteiligtes Gebiet, das irgendeine besondere Aufmerksamkeit braucht, in die Irre führt. Wenn Sie sich die am schnellsten wachsenden Regionen in Deutschland angucken, dann sind das Regionen in Ostdeutschland“, sagte Gropp der Deutschen Presse-Agentur.
Als Beispiele nannte er das Berliner Umland und Leipzig. „Sie wachsen schneller als beispielsweise München. Gleichzeitig gibt es in Ostdeutschland aber auch die am schnellsten schrumpfenden Regionen in Deutschland.“
Gropp vertritt die Ansicht, dass die Bezeichnung „ostdeutsch“ durchgehend in einem negativen Kontext verwendet werde. „Ostdeutsch ist irgendwie immer nur dann wirklich ostdeutsch, wenn es um Nachteile geht, Leipzig und Berlin samt Umland gelten in diesem Sinne nicht mehr als ostdeutsch. Wenn es gut läuft, dann ist es nicht mehr ostdeutsch. Es ist ganz wichtig, von dieser Betrachtung wegzukommen.“
Gropp für Abschaffung des Ostbeauftragten
Vor diesem Hintergrund sprach sich der Volkswirt für eine Abschaffung des Ostbeauftragten aus. „Ich glaube, dass Ostdeutschland eine sehr gute Entwicklung vor sich haben kann, aber nicht, wenn ständig alle denken, der Osten sei benachteiligt. Das stimmt nicht. Und der Ostdeutschland-Beauftragte ist ein Symbol für diese immer wieder betonte Benachteiligung des Ostens.“
Seit Mai 2025 ist die SPD-Abgeordnete Elisabeth Kaiser, die aus Gera stammt, Ostbeauftragte der Bundesregierung. Forderungen nach einer Abschaffung dieser Position sind nicht neu. So hatte Unionsfraktionsvize Sepp Müller im Herbst 2025 dafür geworben, das Amt zu streichen und stattdessen einen Beauftragten für strukturschwache Regionen im ganzen Land zu ersetzen. Müller stammt aus Wittenberg in Sachsen-Anhalt.
Warnung vor AfD-Sieg
Gropp warnte vor einem Sieg der AfD bei der Landtagswahl im September in Sachsen-Anhalt. „Ich glaube, es würde sich dann jedes deutsche Unternehmen sehr gut überlegen, ob es in Sachsen-Anhalt investiert, einfach weil es Probleme haben wird, Mitarbeiter zu finden.“ Auch bundesweit würden Investitionen aus dem Ausland sinken, „weil ausländische Unternehmen nicht zwischen Sachsen-Anhalt und beispielsweise Niedersachsen unterscheiden“. Gropp, der aus dem Ruhrgebiet stammt, steht seit 2014 an der Spitze des IWH.
IWH-Präsident Reint Gropp.Sebastian Christoph Gollnow/dpa
© Sebastian Christoph Gollnow/dpa
IWH-Präsident Reint Gropp.Sebastian Christoph Gollnow/dpa
© Sebastian Christoph Gollnow/dpa