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Hygiene-Museum widmet sich psychischer Gesundheit

Die Frage „Wie geht’s?“ gehört zum guten Umgangston. Doch die Antwort fällt vielen nicht leicht - vor allem, wenn sie an der Seele leiden. Eine Schau in Dresden soll mehr als eine Diagnose sein.

05.03.2026

Eine interaktive Ausstellung im Dresdner Hygienemuseum widmet sich der mentalen Gesundheit. Sebastian Kahnert/dpa

Eine interaktive Ausstellung im Dresdner Hygienemuseum widmet sich der mentalen Gesundheit. Sebastian Kahnert/dpa

© Sebastian Kahnert/dpa

Es geht um mehr als ein gebrochenes Herz oder darum, die Nase mal voll zu haben: Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden widmet sich in einer neuen Ausstellung einer Volkskrankheit: psychischen Problemen. Die Schau „Wie geht’s?“ soll Gäste für Erkrankungen sensibilisieren, die bei vielen nicht offen zutage treten, aber immer mehr um sich greifen.

Jeder vierte bekommt im Laufe seines Lebens psychische Probleme 

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation haben etwa eine Milliarde 
Menschen auf der Erde psychische Probleme, in Deutschland erkrankt jeder
Vierte im Laufe seines Lebens daran. Die meisten erwischt es schon in der Jugend, auch wenn sie erst im Erwachsenenalter Hilfe suchen. 

Die frühe „Anfälligkeit“ hat durchaus etwas mit Geld zu tun. In Familien mit einem niedrigen Einkommen weisen 23,1 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten auf. Bei mittleren Einkommen liegt der Anteil bei 16,2 Prozent, bei hohen Einkommen sind es nur 9,2 Prozent. In Ostdeutschland sind wohl auch deshalb die Fallzahlen höher als im Westen.

Folgen der Corona-Pandemie noch immer spürbar

Soziologin Claudia Neu berichtet in der Exposition über die verschiedenen Formen von Einsamkeit - emotionale, soziale und kollektive Einsamkeit. Vor der Corona-Pandemie fanden sich vier Prozent der Befragten bei einer Umfrage fast immer einsam. In der Pandemie schnellten die Werte nach oben. Die Folgen seien noch immer spürbar - vor allem bei Kindern und Jugendlichen. 

Eine neue Schau im Hygienemuseum widmet sich der mentalen Gesundheit. Sebastian Kahnert/dpa

Eine neue Schau im Hygienemuseum widmet sich der mentalen Gesundheit. Sebastian Kahnert/dpa

© Sebastian Kahnert/dpa

Museums-Direktorin Iris Edenheiser konstatiert eine deutliche Zunahme psychischer Belastungen - als Folge der Pandemie, der Digitalisierung des Alltags und globaler Krisen. Die Grenze zwischen gesund und krank sei viel fließender als man denke. Menschen mit psychischem Problem seien Träger von Wissen und Experten, sie stünden deshalb im Mittelpunkt der Ausstellung. 

Sprechen über seelische Leiden ist oft noch ein Tabu

Während das Bewusstsein für eine solche Erkrankung wächst, ist das Sprechen darüber oft noch ein Tabu - manchmal aus Angst vor Reaktionen, manchmal aus Angst vor Jobverlust, hieß es. Während Erkrankungen wie Depression, Burnout oder ADHS zunehmend gesellschaftlich akzeptiert werden, erfahren etwa Psychosen oder Suchterkrankungen sogar eine stärkere Stigmatisierung. 

Das Museum möchte, dass sich jeder angesprochen fühlt. Für die Schau wurde mit Menschen aus Dresden und Umgebung gesprochen: über ihre psychischen Belastungen, ihre Diagnosen und ihre Bewältigungsstrategien. Auch kleine Anstrengungen können große Wirkung zeigen - etwa mehr Bewegung: Schon zehn Minuten Aktivität vermag die Stimmung heben, lautet ein Befund. 

Immer mehr Arbeitsunfälle aufgrund psychischer Erkrankungen

Videos von Gesprächen mit Betroffenen sind genauso zu sehen wie persönliche Objekte, die ihnen dabei halfen, den Alltag zu meistern. „Wie geht’s besser?“ Diese Frage soll mit Blick auf gesellschaftliche, politische und medizinische Rahmenbedingungen beantwortet werden. Die Besucher erfahren unter anderem, dass Arbeitsausfälle wegen psychischer Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren um 43 Prozent zunahmen

Mit künstlerischen, medialen, interaktiven und weiteren Zugängen lädt die Ausstellung dazu ein, sich mit einem Thema näher auseinanderzusetzen, das alle betrifft. Die Schau bietet auch Rückzugsorte, an denen man sich über konkrete Hilfsangebote informieren kann. Die Beschäftigung mit der eigenen mentalen Gesundheit kann aber auch spielerisch erfolgen, etwa bei einem Quiz und interaktiven Stationen. 

„Ich fühle, was Du nicht siehst“

Die Exposition ist in drei Kapitel unterteilt. Unter dem Titel „Ich fühle, was du nicht siehst“ soll es um das Innenleben des Menschen gehen. Fragestellungen sind etwa: Wie verbreitet sind psychische Erkrankungen und welche sind die häufigsten? Wer trägt ein erhöhtes Risiko. Bei „Danke der Nachfrage“ geht es vor allem um die Unterstützung. Im dritten Kapitel unter der Überschrift „Mal so, mal so“ stehen Strategien zur Bewältigung im Zentrum. 

Auch das tragische Ende einer psychischen Erkrankung wird thematisiert: Suizid. Laut Statistik nahmen sich 2024 in Deutschland 10.372 Menschen das Leben - im Schnitt 29 pro Tag. Direkt vor dem Suizidversuch würden viele Betroffene eine Ambivalenzphase von etwa 10 Minuten durchleben, in der sie von ihrem Vorhaben noch abgebracht werden können. Bis zu 95 Prozent derjenigen sterben später nicht durch Suizid. 

Schau zeigt Verletzlichkeit des Menschen und der Gesellschaft

Die Ausstellung spreche die Verletzlichkeit des Menschen und der ganzen Gesellschaft an, betonte Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch. Sie mache deutlich, „warum Gesundheit mehr ist als das physische Funktionieren des menschlichen Körpers“.

Die Ausstellung wird an diesem Samstag eröffnet und dauert bis zum 4. April 2027. Am 12. April soll es in der Ausstellung einen „Wohlfühlsonntag“ geben. Das Begleitprogramm umfasst Vorträge und Diskussionsrunden zu Themen wie Ausgebranntsein und Folgen exzessiver Nutzung sozialer Medien.

Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden widmet sich in seiner neuen Sonderausstellung der mentalen Gesundheit (Archivbild).Sebastian Kahnert/dpa

Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden widmet sich in seiner neuen Sonderausstellung der mentalen Gesundheit (Archivbild).Sebastian Kahnert/dpa

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