„Hunderte Angriffe pro Tag“ – Wie sicher sind die Häfen?
Drohnen, Sabotage, Cyberattacken: Bei der Nationalen Maritimen Konferenz steht die Sicherheit an Nord- und Ostsee im Fokus. Wie verwundbar die Häfen sind – und wie Deutschland an den Küsten aufrüstet.
Die Häfen sind jeden Tag Angriffen ausgesetzt. (Archivbild)Jens Büttner/dpa
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Drohenüberflüge in Häfen, Sabotagen an Marineschiffen oder Cyberattacken: Bedrohungen und Angriffe auf Häfen, Seekabel und andere maritime Infrastrukturen haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Deshalb rückt die maritime Sicherheit nun in den Mittelpunkt der 14. Nationalen Maritimen Konferenz, dem Spitzentreffen der maritimen Branche unter Leitung der Bundesregierung, im ostfriesischen Emden. Ein Überblick:
Wie hat sich die Sicherheitslage auf Nord- und Ostsee verändert?
Sie hat sich verschärft, geben etwa Marine und Hafenbetreiber an. Deutschland und Europa hätten in den vergangenen Jahrzehnten in einem gewissen Frieden gelebt, sagt Henrik Schilling, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel. Die Nord- und die Ostsee seien daher nicht als Konfliktraum betrachtet worden. „Seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat sich die Sicherheitslage auf unterschiedlichen Ebenen verschärft.“ Vermehrt gebe es sogenannte hybride Angriffe.
Die Marine verfügt über mehrere Stützpunkte an Nord- und Ostsee. (Archivbild)Marcus Brandt/dpa
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Eine Veränderung registriert auch die Deutsche Marine, die im Nordatlantik und in der Ostsee nach eigenen Angaben U-Boote, Seefernaufklärer und Fregatten einsetzt, um Seeverbindungen zu sichern und russische U-Boote zu überwachen. „In der Ostsee treffen wir fast täglich auf russische Einheiten und stellen fest, dass sie sich breiter aufstellen und zunehmend aggressiver gegenüber Nato-Schiffen auftreten“, sagt ein Sprecher des Marinekommandos in Rostock.
Was sind das für „hybride Angriffe“ und wogegen richten sie sich?
„Hybride Angriffe sind staatlich motivierte Aktionen, die unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Konfliktes laufen und versuchen, Grenzen auszutesten“, erklärt Schilling. „Das können Drohnenüberflüge sein, aber auch physische Angriffe auf kritische Infrastrukturen oder Cyberangriffe.“ Auch Spionage und Sabotage zählten dazu. In den meisten Fällen stecke Russland dahinter. „Die Gründe sind verschieden, vor allem aber geht es darum, Druck auf Europa auszuüben, auch um Entscheidungen für die Ukraine zu unterbinden.“
Wie verwundbar sind die Häfen?
Zu dem genauen Ausmaß solcher „hybriden Angriffe“ auf die deutschen Seehäfen gibt es kaum öffentliche Informationen. Bedrohungen gebe es nicht nur am Boden oder aus der Luft, sondern auch aus dem virtuellen Raum, sagt Experte Schilling. „Wir sehen einen deutlichen Zuwachs gerade an Cyberangriffen. Es geht da um Hunderte Angriffe pro Tag. Die meisten werden abgewehrt.“
Die Sicherheitslage habe sich vor allem im Ostseeraum verändert, sagt die Marine. (Archivbild)Frank Molter/dpa
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Bei der Marine wurden zuletzt etwa Schiffe mehrfach Ziel mutmaßlicher Sabotageaktionen: Mal waren es durchtrennte Kabelbäume, mal Metallspäne in einem Antrieb, dann Öleintrag im Trinkwassersystem. „Es gibt Sabotageversuche an unseren Schiffen im Hafen und in der Werft, wir sehen Überflüge mit Drohnen, Eindringversuche in unsere Stützpunkte und die berühmten Ankerverluste, die dann wichtige Leitungen und Kabel beschädigen oder gar zerstören“, fasst der Marinesprecher die Situation zusammen.
Wie sind die Häfen gegen solche Bedrohungen geschützt?
Der Schutz von systemrelevanten Hafeninfrastrukturen habe einen hohen Stellenwert, beteuern norddeutsche Hafenbetreiber auf Anfrage. „Die zuständigen Sicherheitsbehörden bewerten die Gefährdungslagen, und wir setzen die daraus abgeleiteten Maßnahmen konsequent um“, teilt etwa die niedersächsische Hafeninfrastrukturgesellschaft NPorts mit. Es gebe gemeinsame Risikoanalysen und Übungen für unterschiedliche Szenarien.
Die Resilienz der Infrastruktur in Bremerhaven werde laufend überprüft und verbessert, teilte Hafenbetreiber Bremenports mit. Themen seien etwa Zugangskontrollen, Überwachung und Cyber-Sicherheitssysteme.
In Emden findet die Nationale Maritime Konferenz statt. (Archivbild)Sina Schuldt/dpa
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Auch Sicherheitsexperte Schilling sagt, dass die Häfen aufrüsteten. „Da tut sich gerade sehr viel“, berichtet er. „Was etwa Cyberangriffe angeht, stellen sich viele Betreiber von kritischer Infrastruktur zunehmend besser auf.“
Die Marine teilt auf Anfrage mit, für ihre Militärhäfen kurzfristig ein „wirkvolles Maßnahmenpaket“ umgesetzt zu haben. Dazu zählten etwa Drohnenabwehranlagen, eine stärkere Präsenz kleiner Einheiten auf und vor den Häfen sowie unbemannte Systeme über und unter Wasser. „Wir machen unsere Stützpunkte widerstandsfähiger“, sagt der Marinesprecher.
Welche Rolle spielen die Seehäfen in einem Konfliktfall?
Den Häfen an Nord- und Ostsee käme militärisch eine wichtige Rolle zu. Dafür gäbe es auch schon teils geheime Pläne der Bundeswehr und der Nato, sagt Sicherheitsexperte Schilling. Deutschland würde eine logistische Drehscheibe für den Umschlag von Militärfahrzeugen, Truppen und Material werden.
Das bestätigt auch die Marine. „An Seehäfen könnten sogenannte Deployment Hubs entstehen, die die Verladung, den Umschlag- und die Hafenlogistik, speziell für militärische Bedarfe, durchführen“, sagt der Marinesprecher.
Schon jetzt werden in den Häfen Panzer und andere Güter für das Militär umgeschlagen. (Archivbild)Sina Schuldt/dpa
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Sicherheitsexperte Schilling sagt, Nachschub etwa aus den USA würde dann in den deutschen Nordseehäfen ankommen. Hamburg würde eine große Rolle spielen. „Über den Landweg würden die Güter dann weitertransportiert – etwa Richtung Baltikum. Auch die Ostseehäfen, wie etwa Kiel, wären wichtig, da von dort aus die neuen Nato-Partner Schweden und Finnland über die See versorgt werden müssten.“ Das ginge nämlich kaum über den Landweg.
Schon jetzt sind die Seehäfen etwa in Emden und Bremerhaven wichtige Umschlagsorte der Bundeswehr, US-Armee und der Nato für Militärgüter.
Wie rüsten sich die Seehäfen für die Zukunft?
Pläne gibt es vor allem für den Hafen in Bremerhaven: Dort soll ein sogenannter maritimer Logistik-Hub entstehen, um den wachsenden Anforderungen der Nato gerecht zu werden. Der Bund investiert rund 1,35 Milliarden Euro.
Aber: Solche Einzelprojekte zur Infrastrukturmodernisierung reichten kaum aus, heißt es vom Zentralverband deutscher Seehafenbetriebe (ZDS). Der Verband fordert einen grundsätzlichen Neustart bei der Finanzierung von Häfen. Denn aus Sicht der Häfen passt das aktuelle Finanzierungsmodell von Bund und Ländern nicht mehr zu den wachsenden Anforderungen an die Häfen – etwa beim Thema Militär. Nach ZDS-Angaben beträgt der über Jahrzehnte aufgelaufene Investitionstau in den deutschen Seehäfen rund 15 Milliarden Euro.
Wie kann die maritime Industrie für mehr Sicherheit sorgen?
Angesichts der geopolitischen Spannungen werde der Schiffbau stärker als „systemkritische Fähigkeit“ erkannt, sagt Reinhard Lüken, Hauptgeschäftsführer des Verbands für Schiffbau und Meerestechnik (VSM). Die Fähigkeit, komplexe Schiffe und maritime Anlagen zu entwickeln und zu bauen, sei ein unverzichtbarer Bestandteil technischer Souveränität.
Deutschlands Schiffbauer und Zulieferer blicken optimistisch in die Zukunft. Die Auftragsbücher vieler Werften sind gut gefüllt. Dass etwa der Marineschiffbau floriert, hängt damit zusammen, dass die Gefahr von Kriegen international zugenommen hat. Angesichts der hohen Nachfrage steigern Marineunternehmen bereits Produktionskapazitäten: So baut die Kieler U-Bootfirma TKMS ihre Werft in Wismar aus und der Rüstungskonzern Rheinmetall hat mit der Serienfertigung von Drohnenbooten in Hamburg begonnen.
Wie reagiert die Marine?
Die Marine prüft aktuell, ob an der Nordseeküste ein weiterer Militärhafen eingerichtet werden soll. Als Favoriten gelten die Häfen in Emden oder Bremerhaven. Auch an der Ostsee reagiert die Bundeswehr. In Kiel haben sich die Stadt und der Bund kürzlich über die Rückgabe von Teilen eines ehemaligen Marineflieger-Geländes an die Bundeswehr geeinigt. Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, sagt dazu, der Ausbau der Marine diene der Sicherheit des Landes und der Partner. „Er ist kein Selbstzweck, sondern die notwendige Antwort auf die veränderte Bedrohungslage.“
Die Bundeswehr übt die Verteidigung kritischer Infrastruktur im Hafen. (Archivbild)Focke Strangmann/dpa
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