Hoppla, plötzlich Bürgermeister
Kein Kandidat, leere Stimmzettel – und plötzlich ist Andreas Zepper wieder Bürgermeister. Warum er zusagt, obwohl er aufhören wollte - und was seine Familie dazu sagt.
Andreas Zepper wollte nicht mehr Bürgermeister werden - jetzt ist er es doch. Peter Kneffel/dpa
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Aufstehen gegen halb fünf, im Morgengrauen Brote schmieren für die vier Kinder: Schokocreme und Honig für die einen, Käse und Wurst für die anderen. Der Frühstücksmeister sei er daheim für die Familie, sagt Andreas Zepper. Dann geht es weiter ins Rathaus, ins Landratsamt, in die Schule, ins Gericht. Denn der 45-Jährige ist Lehrer, Feuerwehrler, Schöffe - und jetzt doch wieder: Bürgermeister. In seiner kleinen Gemeinde ist das ein Ehrenamt mit Aufwandsentschädigung.
Zepper hatte das Amt in der 1.000-Seelen-Gemeinde Tyrlaching im Landkreis Altötting zwölf Jahre lang inne. Lange vor der Kommunalwahl hatte er angekündigt, dass er aufhören will. Doch es fand sich nicht ein einziger Kandidat.
Am Sonntag war der Stimmzettel leer. Die Tyrlachinger griffen also zum Stift - 377 von 549 Wählern schrieben Zeppers Namen auf das Papier. Er kam auf 76 Prozent der Stimmen - eine überragende Mehrheit. „Das ist ein riesengroßer Vertrauensbeweis“, sagt er. „Es gibt Bürgermeisterkandidaten, die weniger Stimmen bekommen haben - obwohl sie die einzigen Kandidaten waren.“ Hier sei es sogar eine Urwahl gewesen. Da habe er nicht nein sagen können. „Ich wollte meine Gemeinde nicht im Stich lassen.“ Er nahm die Wahl an.
„Sechs Jahre sind eine lange Zeit“
Warum er aufhören wollte? „Ich hab‘ einfach das Gefühl gehabt, dass ich das, was ich gern leisten möchte, nicht nochmal sechs Jahre leisten kann. Sechs Jahre sind eine lange Zeit.“ Und: „Wenn ich etwas mache, dann mach‘ ich es gscheit. Ich möchte nicht nur wurschteln, so dass die Leute dann sagen: Jetzt wird es Zeit, dass er aufhört.“
Zudem drohe die Familie zu kurz zu kommen, oft sei er keinen einzigen Abend zu Hause - und schließlich hat Zepper viele andere Aufgaben. An der Berufsschule, an der er unterrichtet, ist der gelernte Schreiner im Prüfungsausschuss, der Feuerwehr des Ortes gehört er an, das Schöffenamt am Landgericht Traunstein fordert Zeit.
Die Kinder - drei Mädchen und ein Junge im Alter von 8 bis 16 Jahren - hätten sich über das Wahlergebnis und die Wiederwahl des Vaters gefreut. Allerdings: „Die kennen mich ja gar nicht anders.“ Für sie war er so gut wie während ihres ganzen bisherigen Lebens der Bürgermeister. Die beiden Älteren waren noch klein, als er das Amt übernahm, seine Frau mit dem dritten Kind schwanger.
„Das schaffen wir schon“
Damals drängten ihn andere zur Kandidatur. Monatelang sagte er nein - doch seine Frau bestärkte ihn. „Ich steh‘ hinter dir. Das schaffen wir schon.“ Genau dasselbe habe sie auch jetzt wieder gesagt. Ohne sie, das betont Zepper mehrfach, hätte er das Amt nicht übernehmen können. Und auch nicht ohne die Eltern, die gleich nebenan wohnen und sich mit um die Kinder kümmern.
Der Arbeitgeber sei ebenfalls ein wichtiger Faktor für das Bürgermeisteramt. „Es muss der berufliche Kontext passen. Der Arbeitgeber muss mitziehen. Ohne Reduzierung oder Teilzeit geht das nicht.“
Einen möglichen Kandidaten hätte es fast gegeben. „Aber da hat der Arbeitgeber nicht mitgespielt.“ Bei anderen scheiterte es an den familiären Verhältnissen. Manchen schrecke die überbordende Bürokratie - oder die wachsenden Ansprüche: Die Menschen erwarteten zunehmend, dass der Bürgermeister immer und bei jeder Veranstaltung dabei sei.
Mehrheit aus dem Stand
Stets präsent? Steffen Romstöck kennt das. Bis zu 60 Wochenstunden arbeite er nun meist, viele Termine seien auch am Wochenende. Die Familie trage dies mit. Der 46-Jährige kam ähnlich zu seinem Job wie Zepper - und zwar vor eineinhalb Jahren. Weil der erste Bürgermeister von Röttingen (Landkreis Würzburg) aus persönlichen Gründen eher aufhörte, mussten die Bürgerinnen und Bürger vorzeitig wählen. Das war Mitte September 2024.
Ein Kandidat stand damals auf dem Stimmzettel - aber der konnte sich nicht durchsetzen. Denn viele Wähler schrieben kurzerhand einen weiteren Namen dazu, und zwar den von Romstöck. Der 46-Jährige errang die absolute Mehrheit. Er war von 2014 bis 2020 bereits dritter Bürgermeister gewesen.
„Als Bürgermeister ist man Generalist“
„Ich bin recht schnell reingekommen“, sagt Romstöck gut eineinhalb Jahre später. Geholfen habe ihm seine Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung einer Hochschule. Auch das Rathaus-Team und der Stadtrat hätten ihn umfangreich unterstützt.
Hat er Tipps für diejenigen, die nun nach der Kommunalwahl wie er damals plötzlich Bürgermeister sein sollen? „Als Bürgermeister ist man Generalist“, antwortet Romstöck. „Es ist nicht schlimm, wenn man von einigen Teilbereichen noch keine Ahnung hat. Man sollte immer Fragen stellen und eine gehörige Portion Gelassenheit haben.“
Weil der Stadtrat einer längeren Amtszeit zugestimmt hat, ist Romstöck, SPD-Mitglied, bis zur nächsten Kommunalwahl 2032 im Amt. Und dann? „Da habe ich mir jetzt noch keine Gedanken darüber gemacht, wenn ich ehrlich bin.“ Bereut habe er es bisher nicht, so hoppla hopp Rathauschef geworden zu sein.
Gesetz erlaubt in bestimmten Fällen eine derartige Wahl
Laut Landeswahlleiter können bei Europa-, Bundestags- und Landtagswahlen nur Bewerber zur Wahl stehen, die zuvor durch die Wahlorgane zugelassen wurden. Die Ergänzung einer Person auf dem Stimmzettel würde diesen ungültig machen, so das Landesamt für Statistik in Fürth. „Bei Wahlen nach dem Gemeinde- und Landkreiswahlgesetz ist dies hingegen in bestimmten Fallkonstellationen statthaft.“ Laut Gemeindewahlgesetz ist die Ergänzung eines Namens möglich, wenn es keinen oder nur einen Wahlvorschlag gibt.
Heimat gestalten
Es sei ihm klar gewesen, dass viele seinen Namen auf den Stimmzettel schreiben würden, wenn es keinen Kandidaten gebe, sagt der parteilose Kommunalpolitiker Zepper. Das starke Wahlergebnis gebe ihm neue Kraft. „Mehr Vertrauen kann man nicht bekommen.“ Die Bürger hätten deutlich gemacht: „Du bist unser Bürgermeister.“
Was ihn motiviert, neben seinem Optimismus: „Es ist etwas Schönes, wenn du mitgestalten kannst. Du gestaltest ja deine Umgebung direkt vor der Haustüre. Da, wo du jeden Tag durchfährst - da, wo du daheim bist.“ Heimat eben.
In seiner Amtszeit hat er mit dem Gemeinderat den Ortskern saniert, das Wirtshaus wiederbelebt, Baugrund für Einheimische ausgewiesen, den Breitbandausbau umgesetzt, so dass auch der letzte Einödhof schnelles Internet hat. Und immer noch ist viel zu tun. Straßen sind zu sanieren, in einem älteren Haus sollen Wohnungen geschaffen werden. „Ich habe zwölf Jahre Vollgas gegeben. Und das werde ich weiter tun“, verspricht Zepper.
Etwas aber will er anders machen: „Ich habe mir vorgenommen, Aufgaben mehr abzugeben. Vielleicht werden wir uns einen dritten Bürgermeister leisten - damit die Arbeit besser verteilt ist.“
Steffen Romstöck ist mit seinem Wechsel ins Rathaus zufrieden. (Archivbild)D. Mitnacht/Stadt Röttingen/dpa
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In mehreren Orten stand kein einziger Kandidat auf dem Stimmzettel - die Wähler konnten ihren eigenen Favoriten auf den Zettel schreiben. (Archivbild) Pia Bayer/dpa
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