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Hessen verstärkt Kampf gegen sexualisierte digitale Gewalt

Angebliches Sexangebot samt privater Handynummer im Internet? Immer mehr täuschend echte Deepfakes bedrohen Frauen. Wie werden Hessens Polizisten, Richterinnen und Staatsanwälte hier mehr geschult?

26.03.2026

Die Debatte um sexualisierte digitale Gewalt läuft bundesweit: Demonstration am 22. März in Berlin. (Archivbild)Gerald Matzka/dpa

Die Debatte um sexualisierte digitale Gewalt läuft bundesweit: Demonstration am 22. März in Berlin. (Archivbild)Gerald Matzka/dpa

© Gerald Matzka/dpa

Polizei und Justiz in Hessen wollen ihren Kampf gegen sexualisierte digitale Gewalt deutlich intensivieren. In der bundesweiten Debatte um die Herstellung und Verbreitung von Nacktbildern und KI-manipuliertem Material - sexualisierte Deepfakes - im Internet haben Hessens Innenminister Roman Poseck und Justizminister Christian Heinz (beide CDU) in Wiesbaden zahlreiche neue Maßnahmen vorgestellt.

Pläne nach Mitteilung des Innenministeriums:

  • Zum 1. April richtet das Landeskriminalamt (LKA) in Wiesbaden eine zentrale Ansprechstelle für Deepfakes ein.
  • Diese erstellt schrittweise ein landesweites Lagebild, das den Ermittlern einen Überblick über die Fälle geben soll. 
  • Neue Handlungsempfehlungen sollen die gut 16.000 Polizisten in Hessen noch mehr über digitale Gewalt informieren - etwa für die Anzeigenaufnahme, die Beweissicherung und die Löschmöglichkeiten.
  • Hessens Polizei analysiert kurzfristig den Markt für Software zur Erkennung von Deepfakes, um Ermittler bestmöglich technisch zu unterstützen.
  • Neben der intensivierten Betreuung von Betroffenen sollen die Angebote der Prävention bei Deepfakes mit zusätzlichen Informationen erweitert werden. Das bezieht sich etwa auf Videos für junge Menschen, Elternveranstaltungen, digitale Präventionsmessen und Aktionstage.

Auch das hessische Landeskriminalamt in Wiesbaden nimmt sexualisierte Deepfakes verstärkt in den Blick. (Symbolbild)Boris Roessler/dpa

Auch das hessische Landeskriminalamt in Wiesbaden nimmt sexualisierte Deepfakes verstärkt in den Blick. (Symbolbild)Boris Roessler/dpa

© Boris Roessler/dpa

Pläne nach Mitteilung des Justizministeriums:

  • Bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt entsteht die neue Einheit Digitale Gewalt.
  • Die Beauftragte für die Verfolgung von Catcalling-Straftaten bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, die sich bisher etwa um sexuell anzügliches Rufen gegenüber Frauen kümmert, bekommt entsprechend mehr Zuständigkeiten. Künftig ist sie die Beauftragte für die Verfolgung von Straftaten mit frauenfeindlichem Hintergrund. 
  • Zusammen mit der neuen Einheit Digitale Gewalt sensibilisiert und berät diese Expertin die Staatsanwaltschaften im Land bei digitaler Gewalt.
  • Hessen dringt beim Bund darauf, dass dieser den Gesetzentwurf vom Dezember 2025 zu einer dreimonatigen Speicherpflicht von IP-Adressen für Internetanbieter rasch umsetzt, damit Ermittler leichter mutmaßliche Täter identifizieren und sexualisierte Deepfakes ahnden können.

Die Bundesregierung plant mit Blick auf sexualisierte digitale Gewalt auch eine andere Gesetzesänderung: Sexualisierte Deepfakes sollen künftig bestraft werden. Vermutlich wird der Bundestag im Herbst darüber entscheiden. Hessen dringt darauf, hier somit rasch Lücken im Strafrecht zu schließen, die mit dem rasanten Fortschritt der KI entstanden sind.

Experte: Nur wenige Klicks für Deepfakes nötig

ZIT-Leiter Benjamin Krause sagte, heute reichten wenige Klicks mit spezieller Software, um täuschend echt wirkende, sexualisierte Deepfakes zu erstellen. LKA-Präsident Daniel Muth ergänzte, noch vor wenigen Jahren hätte das wie Science Fiction geklungen. Laut Krause gibt es inzwischen auch bei privatem Streit Fälle, in denen KI im Netz in Wort und Bild vorspiegele, dass betroffene Frauen fremden Männern Sex anböten - teils sogar unter Angabe ihrer Handynummer.

Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) will den Kampf gegen sexualisierte Deepfakes vorantreiben. (Archivbild)Andreas Arnold/dpa

Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) will den Kampf gegen sexualisierte Deepfakes vorantreiben. (Archivbild)Andreas Arnold/dpa

© Andreas Arnold/dpa

Innenminister Poseck sprach von möglichen „gravierenden psychischen, sozialen und beruflichen Folgen“ für betroffene Frauen. Diese könnten „mit Rufschädigung, Erpressung oder sozialer Ausgrenzung konfrontiert werden“.

Der Frankfurter Leitende Oberstaatsanwalt Benjamin Krause gestand ein, dass bislang eine landesweite Erfassung von Fällen sexualisierter Deepfakes fehle - umso wichtiger sei das geplante neue Lagebild dafür. Zugleich vermute er, dass viele Betroffene keine Anzeige erstatteten.

Betroffene von der Polizei weggeschickt?

Minister Poseck hatte nach eigenen Worten Berichte gesehen, wonach außerhalb von Hessen Betroffene auch teils von der Polizei „weggeschickt wurden“. Der CDU-Politiker betonte: „Das wollen wir nicht.“ Betroffenen müsse vermittelt werden, „dass sie nicht alleine sind“.

Auch Christian Heinz (CDU), Justizminister von Hessen, dringt auf mehr Unterstützung von Betroffenen digitaler Gewalt. (Archivbild)Lando Hass/dpa

Auch Christian Heinz (CDU), Justizminister von Hessen, dringt auf mehr Unterstützung von Betroffenen digitaler Gewalt. (Archivbild)Lando Hass/dpa

© Lando Hass/dpa

Poseck sagte: „Wir müssen besser werden. Wir müssen die Gesellschaft mehr erreichen.“ Justizminister Heinz äußerte sich ähnlich. Er wies zudem darauf hin, dass Deepfakes auch für andere Formen der Kriminalität genutzt würden, beispielsweise für Betrug bei Telefonanrufen mit täuschend echt wirkenden Fälschungen von menschlichen Stimmen.

Unterdessen will das Europäische Parlament ein Verbot für bestimmte KI-Systeme, die künstliche Nacktbilder generieren können. Die Abgeordneten sprachen sich in Brüssel mit großer Mehrheit für ein Verbot von sogenannten Nudifier-Systemen aus, die Künstliche Intelligenz verwenden, um Bilder zu erstellen oder zu manipulieren, die sexuell explizit oder intim sind und einer identifizierbaren realen Person ähneln, ohne dass diese zugestimmt hat.