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Großer Salzwassereinbruch lässt auf sich warten

Die Ostsee ist als Binnenmeer auf Salzwassereinbrüche aus der Nordsee angewiesen. Die Chancen dafür standen Anfang des Jahres außerordentlich gut. Doch die Natur spielte bislang nicht mit.

16.03.2026

Für einen großen Salzwassereinbruch sind starke Weststürme nötig, die aber bislang ausblieben.   Bernd Wüstneck/dpa

Für einen großen Salzwassereinbruch sind starke Weststürme nötig, die aber bislang ausblieben. Bernd Wüstneck/dpa

© Bernd Wüstneck/dpa

Der im Februar registrierte historisch günstige Wassertiefstand hat der Ostsee nicht den erhofften großen Salzwassereinstrom beschert. Tatsächlich sei bisher kein „Major Baltic Inflow“ aus der Nord- in die Ostsee erfolgt, teilte das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) mit. Der Grund: Starke, anhaltende Winde aus westlichen Richtungen, die zusätzlich auch größere Mengen Nordseewasser in die Ostsee hätten drücken können, blieben aus. 

„Leider kamen die West-Stürme nicht. Schade. Aber die Natur macht halt nicht immer das, was man gerne möchte“, sagt Michael Naumann von der IOW-Sektion Physikalische Ozeanographie. Er ist einer der Koordinatoren des Langzeitbeobachtungsprogramms und vergleicht die Situation des Binnenmeeres Ostsee gerne mit einer Badewanne. In der schieben Ostwinde das Wasser zuerst durch die Meerengen der Beltsee zwischen Deutschland, Dänemark und Schweden in Richtung Nordsee. Und im Gegenzug treiben starke Westwinde salz- und sauerstoffhaltiges Nordseewasser wieder zurück - wenn es gut läuft. 

Historischer Tiefstand seit 1886

Am 5. Februar waren die IOW-Forscher deshalb voller Hoffnung und guter Dinge, als am Pegel Landsort-Norra vor der schwedischen Küste ein Wert von mehr als 67 Zentimetern unter dem langjährigen Mittleren Meeresspiegel (MSL) registriert wurde. Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1886 war das ein historischer Tiefstand und ein vielversprechendes Anzeichen, dass bei einsetzendem Westwind und Stürmen viel salz- und sauerstoffhaltiges Wasser aus der Nordsee in die Ostsee zurückgeschoben würde. 

„Für einen Salzwassereinbruch brauchen wir erst mal ein bisschen Platz in der Badewanne. Umso mehr rausgepresst wurde, desto besser“, beschreibt Naumann die günstige Lage vor etwas mehr als zwei Monaten. Aber seitdem spielten die Wetterverhältnisse nicht mit. Es gab kaum Wind und wenn dann aus der „verkehrten Richtung“ aus Süden. Inzwischen stieg der Mittlere Meeresspiegel in der Ostsee von dem vielversprechenden historischen Minus von 67 Zentimetern vom 5. Februar auf nur noch minus 17 Zentimeter (Stand 12. März) an. 

Nun ist es nicht so, dass überhaupt kein Wasser wieder in die Ostsee „zurückschwappte“. Aber das, was wieder in die „Badewanne“ zurückströmte, war das Wasser, das gerade erst rausgeschoben wurde, lediglich ein bisschen vermischt. „Aber es kam nicht diese Pressung aus dem Nordseeraum, bei dem ein Sturm einfach mal richtig mit Druck und Schubspannung das Oberflächenwasser reinschiebt. Und dieses Oberflächenwasser im Weltmeer ist deutlich salziger, und das brauchen wir.“

Nicht salzig genug

Die Messungen zeigen, dass das bisher zurückgeströmte Wasser beim Überstrom über die Darßer Schwelle nur leicht erhöhte Salzgehalte von 11 bis 13,5 Gramm pro Kilogramm aufweist. Das ist zu wenig, denn die Dichte dieser Wassermassen ist zu niedrig, um das Bodenwasser der zentralen Ostsee zu erreichen und so für eine Belüftung der dortigen Sauerstoffmangelgebiete zu sorgen. Für diesen Prozess wäre ein Volumen von etwa 170 Kubikkilometern mit einem Salzgehalt von über 17 Gramm pro Kilogramm notwendig, berechneten die IOW-Forscher. 

Beim IOW hatte man auf einen großen Salzwassereinbruch von der Nordsee in die Ostsee gehofft. Bernd Wüstneck/dpa

Beim IOW hatte man auf einen großen Salzwassereinbruch von der Nordsee in die Ostsee gehofft. Bernd Wüstneck/dpa

© Bernd Wüstneck/dpa

Zwar sei über die schmalen Meerengen zwischen den dänischen Inseln durchaus auch salzreiches Tiefenwasser mit bis zu 21 Gramm pro Kilogramm aus dem Kattegat in das Arkona Becken und die Mecklenburger Bucht eingeströmt, wo es im Ostseegrund eine dünne Schicht bilde. Das Wasser sei aber relativ sauerstoffarm mit Konzentrationen von 6 bis 7 Millilitern pro Liter, da es im Kattegat schon länger am Boden verweilt habe und Sauerstoff (O2) aufgebraucht worden sei.

Für die Ostsee wäre der Einfluss von salz- und sauerstoffhaltigem Wasser auch deshalb von hohem Nutzen, weil die erhöhten Temperaturen derzeit zu einer verstärkten mikrobiellen Aktivität in großen Wassertiefen führen. Das beschleunigt laut IOW den Abbau organischer Substanz, etwa abgestorbene, herabgesunkene Algenblüten, und bedeutet einen höheren Sauerstoffverbrauch. Eine Folge: Tiefe Wasserschichten könnten wegen Sauerstoffmangels für Fische und andere Lebewesen unbewohnbar werden. 

Ein bisschen Hoffnung ist noch da

Auch wenn der mittlere Wasserstand derzeit zwischen minus 17 und minus 19 pendelt, ist die „Ostsee-Badewanne“ immer noch bereit für einen größeren Salzwassereinbruch. Bereits Ostsee-Füllstände von 20 Zentimetern unter dem Mittleren Meeresspiegel gelten in der Ozeanographie als gute Voraussetzung für das Auftreten großer Salzwassereinbrüche aus der Nordsee in die Ostsee. Aber bislang spricht die Wetterlage dagegen. Ein klassischer Nordwest-Sturm oder gar mehrere davon seien nicht in Sicht. 

Und so sind die Hoffnungen - auch wenn sie noch nicht ganz aufgegeben wurden - auf einen „Major Baltic Inflow“ beim IOW gedämpft. „Wir waren in unserer ursprünglichen Annahme im Februar davon ausgegangen, dass eine 80- bis 90-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen großen Salzwassereinbruch besteht“, sagt Naumann. „Aber so ist das manchmal: Diesmal haben die 10 bis 20 Prozent „gewonnen“, die dem entgegenstanden.“

Salzwassereinbrüche werden von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) genau beobachtet. Bernd Wüstneck/dpa

Salzwassereinbrüche werden von Wissenschaftlern des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) genau beobachtet. Bernd Wüstneck/dpa

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Die erhofften Weststürme blieben bislang aus. Bernd Wüstneck/dpa

Die erhofften Weststürme blieben bislang aus. Bernd Wüstneck/dpa

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