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Ex-Kollegin des Todesfahrers schaltete Betriebsrat ein

Wie trat der spätere Attentäter vom Magdeburger Weihnachtsmarkt als Arzt auf? Eine ehemalige Kollegin und ein Vorgesetzter aus dem Maßregelvollzug sagen dazu im Untersuchungsausschuss aus.

26.01.2026

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss hat Zeugen aus dem ehemaligen Arbeitsumfeld des Todesfahrers vom Magdeburger Weihnachtsmarkt geladen. (Archivbild)Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss hat Zeugen aus dem ehemaligen Arbeitsumfeld des Todesfahrers vom Magdeburger Weihnachtsmarkt geladen. (Archivbild)Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt ist erneut deutlich geworden, dass der Todesfahrer in seiner Tätigkeit als Arzt unzuverlässig war und seine fachliche Qualifikation in Zweifel gezogen wurde. 

Eine ehemalige Assistenzärztin sagte am Morgen im Ausschuss, viele Kollegen seien genervt gewesen, weil man dem Psychiater oft hinterhertelefonieren musste. Der Arzt habe sich geweigert, bestimmte Dinge zu übernehmen. Andere hätten dann seine Aufgaben übernommen.

Zu Diagnosen und Therapien habe es teils unterschiedliche Auffassungen gegeben, dann habe sie um Fallbesprechungen gebeten, sagte die Ex-Kollegin als Zeugin aus. „Ich habe seine Qualifikation hinterfragt.“ Sie sagte, sie habe sowohl die ärztliche Leitung als auch den Betriebsrat eingeschaltet. Die Führungsebene habe beschwichtigend und vermittelnd reagiert. Vom Betriebsrat habe sie keine Rückmeldung bekommen, bis sie ausgeschieden sei.

Zweifel an Fachkompetenz

Schon bei vorigen Zeugenvernehmungen im Untersuchungsausschuss war deutlich geworden, dass Kollegen an der fachlichen Kompetenz des Mannes gezweifelt hatten.

Der ehemalige Ärztliche Direktor des Maßregelvollzugs Bernburg sagte als Zeuge im Ausschuss, es habe fachliche Schwierigkeiten gegeben. Die Inhalte der Therapiegruppen des Mannes seien eher einfach gehalten gewesen. Ihn hätten hin und wieder Beschwerden und Klagen über den Arzt erreicht, so der Zeuge. „Es war eher eine unzufriedene Stimmung, ohne dass ich das konkret fassen konnte.“ Es sei häufig nicht richtig festzumachen gewesen, was der Auslöser eines Konflikts war.

Leitung wollte Arbeitsverhältnis nicht beenden

Besonders problematisch für den ehemaligen Ärztlichen Direktor waren die zunehmenden Fehltage des späteren Todesfahrers. Er habe ihn aufgefordert, seine außerberuflichen Tätigkeiten zu reduzieren. Der Zeuge sprach von überzogenem Aktivismus. 2023 habe er dann angeregt, das Arbeitsverhältnis zu beenden. Die Einrichtungsleitung habe dem aber eine Absage erteilt, wollte bis Jahresende 2024 die Entwicklung beobachten. Die Personalsituation im Maßregelvollzug sei angespannt gewesen, so der Zeuge.

Lange Mails des späteren Todesfahrers nur überflogen

Die Ausschussmitglieder befragten den ehemaligen Ärztlichen Direktor auch zu umfangreichen Mails seines Mitarbeiters, in denen dieser sich etwa über angebliche Aktivitäten des saudischen Geheimdienstes und seine Sicht auf deutsche Behörden äußerte. Diese langen Schreiben habe er nur überflogen. Nach seiner Einschätzung seien die E-Mails in einer bestimmten Verfassung, in Erregung geschrieben worden. Diese Verfassung sei aber nicht überdauernd gewesen. Er äußerte die Vermutung, dass der spätere Todesfahrer paranoid denke. 

Man müsse sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sich das Denken auf seine Tätigkeit auswirkte. Auf der Arbeit habe das keine Rolle gespielt, sondern in den Krankheitszeiten. Der Mitarbeiter habe unterscheiden können, wann er arbeitsfähig war und wann nicht. Es habe keine Hinweise darauf gegeben, dass von ihm eine Gefahr für andere ausgeht, so der ehemalige Ärztliche Direktor weiter.

Sozialministerium als Fachaufsicht hatte keine Hinweise

Das Sozialministerium, das die Fachaufsicht über den Maßregelvollzug hat, erreichten laut einer Referentin und einer Referatsleiterin keine Informationen zu dem späteren Todesfahrer. Bis zum Anschlag hätten keine Berichte, Warnungen oder Hinweise vorgelegen. Grundsätzlich würden bei Zweifeln an Zuverlässigkeit und Sachkunde von Mitarbeitern Hinweise geprüft und ein Verfahren zur Anhörung begonnen, sagte die Referentin. 

Die Referatsleiterin sagte, das Einstellungsverfahren liege allein beim landeseigenen Unternehmen Salus. Nach dem Anschlag habe das Ministerium die ganze Personalakte angefordert, das Führungszeugnis habe gefehlt. In der Konsequenz sei in einem Erlass an die Einrichtungsleitung geregelt worden, dass Dokumente, die Sachkunde und Zuverlässigkeit dokumentieren, der Fachaufsicht vorgelegt werden müssen. Dazu gehöre auch das Führungszeugnis. 

Taleb al-Abdulmohsen war im Dezember 2024 mit einem PS-starken Mietwagen über den Magdeburger Weihnachtsmarkt gefahren. Sechs Menschen wurden getötet, mehr als 300 wurden zum Teil schwerst verletzt. 

Derzeit läuft am Landgericht Magdeburg der Prozess gegen den Mann aus Saudi-Arabien. Er arbeitete vom Jahr 2020 bis zur Tat im Maßregelvollzug in Bernburg (Salzlandkreis) beim Gesundheitsunternehmen Salus als Stationsarzt, sein Aufgabengebiet umfasste die psychiatrische Betreuung von Straftätern. Er soll in Saudi-Arabien Medizin studiert haben, in Deutschland erwarb er die Facharztanerkennung.