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„Es war einmal“: Märchenführung für Menschen mit Demenz

Tintenfass, Märchenbücher, bunte Stempel: In der Kasseler Grimmwelt entdecken Menschen mit Demenz Geschichten aus ihrer Kindheit neu. Was passiert, wenn vertraute Bilder Erinnerungen wecken?

01.11.2026

In der Kasseler Grimmwelt entdecken Menschen mit Demenz Kunstwerke und Geschichten – sinnlich, ohne Leistungsdruck und mit Raum für Erinnerungen.Swen Pförtner/dpa

In der Kasseler Grimmwelt entdecken Menschen mit Demenz Kunstwerke und Geschichten – sinnlich, ohne Leistungsdruck und mit Raum für Erinnerungen.Swen Pförtner/dpa

© Swen Pförtner/dpa

„Der Moment hier ist wichtig“, sagt Patricia Aderhold. „Die Erinnerung an ihn wird bei dem einen oder anderen zwar verloren gehen, aber die Emotionen bleiben.“ Mit einer Gruppe von Bewohnern des AWO-Altenzentrums Baunatal nimmt die Betreuungskraft an einer besonderen Kunstführung in der Grimmwelt in Kassel teil. Alle von ihnen leiden an Demenz.

Die Führung durch das Haus, das dem Schaffen der Brüder Grimm als Sprachforscher und Sammler fantastischer Märchen gewidmet ist, ist eigens konzipiert für Demenzkranke und ihre Angehörigen. „Es ist ein Geschenk, diese Tour machen zu dürfen“, sagt Wolfgang Schmelzer. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia - beide sind Gästeführer in Kassel - hat er sich zum Vermittler fortbilden lassen und begleitet die Demenzführungen, die in der Regel einmal im Monat angeboten werden. „Es ist immer wieder berührend und inspirierend“, sagt er. Die Teilnehmer seien sehr feinfühlig.

Raum für Erinnerungen schaffen

Im Zentrum der Führung, die die Grimmwelt in Kooperation mit der AWO-Stiftung Lichtblicke anbietet, steht das sinnliche Entdecken von Kunstwerken und Geschichten - ohne Leistungsdruck und mit Raum für Erinnerungen. Erinnerungspflege nennt das Aderhold. „Märchen kennen die Teilnehmer aus ihrer Kindheit. Sie finden sich da wieder. Das sind vertraute Geschichten.“ Die Fähigkeit, sich an sie zu erinnern, gebe ihnen Sicherheit. In manch anderen Situationen könnten sie nicht auf Fragen antworten. „Das ist ihnen dann peinlich.“ 

Bei Märchen sei das nicht so. „Da können sie mitreden. Und es ist ganz wichtig, dass sie das Gefühl haben noch etwas sagen zu dürfen und auch gehört zu werden, dass ihre Worte noch Bedeutung haben“, erklärt Aderhold. „Sie sollen sich gut fühlen, Spaß haben und aus dem Heim-Alltag ausbrechen.“ 

Nach der Diagnose ziehen sich viele Betroffene zurück. Swen Pförtner/dpa

Nach der Diagnose ziehen sich viele Betroffene zurück. Swen Pförtner/dpa

© Swen Pförtner/dpa

Positive Effekte auf emotionale Begleitsymptome

Es gehe um die Kunstvermittlung über Emotionen und die biografische Ebene, erklärt Arthur Schall. Der Psychologe, Musikwissenschaftler und Kunsthistoriker an der Goethe-Universität Frankfurt forscht zum Thema Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz und hat unter anderem auch das Kasseler Projekt begleitet. „Märchen sind gerade für die Menschen, die zum großen Teil mit ihnen sozialisiert worden sind, im Fokus. Sie wecken Erinnerungen.“

Angebote wie die der Grimmwelt hätten nachweislich positive Effekte auf die Teilnehmenden, vor allem auf die emotionalen Begleitsymptome einer Demenz wie etwa depressive Symptome und Apathie. „Wir können die Krankheit damit zwar nicht umkehren oder aufhalten, aber die Begleitsymptome verbessern“, erklärt er. 

Nach der Diagnose zögen sich viele der Betroffenen und ihre Familien zurück. „Sie verzichten sehr schnell auf soziokulturelle Veranstaltungen“, berichtet Schall. Spezielle kulturelle Angebote seien daher wichtig, um wieder Teilhabe zu ermöglichen. Das steigere das emotionale Wohlbefinden.

Über Kunst Erinnerungen wecken

Bei dem Kunstvermittlungsprojekt gehe es nicht darum, Wissen zu vermitteln, erklärt auch Sylvia Schmelzer. „Es geht darum, sich Dinge anzuschauen und sich zu erinnern.“ Das gelingt gleich an der ersten Station. Dort veranschaulicht ein überdimensioniertes Tintenfass die enorme Menge an Tinte, die Jacob und Wilhelm Grimm im Laufe ihres Lebens für ihr gesamtes literarisches und wissenschaftliches Lebenswerk verschrieben haben. 

„Die haben alles mit Tinte geschrieben“, berichtet Wolfgang Schmelzer der Gruppe, die aufmerksam zuhört. „Mit einer Feder“, sagt Teilnehmer Helmut. „Die wurde vorne gespalten, so dass das sich die Tinte dort gesammelt hat und man damit schreiben konnte“, erklärt er.

Angebote zum Mitmachen

Vor einer Wand mit Märchenbüchern der Brüder Grimm aus aller Welt berichtet Sylvia Schmelzer von einem speziellen ersten Satz in Grimms Märchen. „Ich denke, ihr erinnert euch alle daran“, sagt sie. „Es war einmal“, tönt es gleich von mehreren Teilnehmern zurück. Und spätestens bei einer Mitmach-Station, in der sie mit großen bunten Stempeln eigene Märchenfigur erstellen und in einen virtuellen Märchenwald schicken können, machen alle mit. 

Die Führung der Grimmwelt in Kooperation mit der AWO-Stiftung „Lichtblicke“ richtet sich an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen.Swen Pförtner/dpa

Die Führung der Grimmwelt in Kooperation mit der AWO-Stiftung „Lichtblicke“ richtet sich an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen.Swen Pförtner/dpa

© Swen Pförtner/dpa

„Oh ja, das ist schön“, sagt Teilnehmerin Heide, als ihre Figur auf der Leinwand erscheint. Sie habe schon zwei oder drei Mal an der Führung teilgenommen, berichtet sie. Mitmachen, kreativ werden, das gefalle ihr. 

Führung kreativ verarbeiten

Und so bastelt sie auch begeistert los, als die Gruppe zum Abschluss der Führung das Erlebte kreativ umsetzten kann. Aus Pappbögen und Bildern von Menschen, Tieren, Gebäuden, Landschaften und Märchen sollen Postkarten entstehen, die die Teilnehmer mitnehmen können. „Ich möchte ein Märchenmotiv, weil das Leben ein Märchen ist“, sagt Heide und macht sich auf die Suche. 

Kulturelle Angebote können Teilhabe ermöglichen und das emotionale Wohlbefinden steigern, sagt der Forscher Arthur Schall.Swen Pförtner/dpa

Kulturelle Angebote können Teilhabe ermöglichen und das emotionale Wohlbefinden steigern, sagt der Forscher Arthur Schall.Swen Pförtner/dpa

© Swen Pförtner/dpa

Auch ihr Sitznachbar Bernd sucht nach einem Märchenmotiv - und zwar einem ganz speziellen. „Ich suche Hans im Glück“, sagt er. „Damit ich Glück habe. Das braucht man auch im Leben.“ 

Und während Bernd noch in dem Haufen von Bildern sucht, wird Heide ganz ruhig. „Ich weiß nicht, wo ich hingehöre“, sagt sie plötzlich. „Ich weiß nicht, wo meine Wohnung ist. Unglaublich, dass man so etwas vergisst.“

Zum Abschluss basteln die Teilnehmenden Postkarten mit Märchenmotiven zum Mitnehmen.Swen Pförtner/dpa

Zum Abschluss basteln die Teilnehmenden Postkarten mit Märchenmotiven zum Mitnehmen.Swen Pförtner/dpa

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