Ein Jahr nach tödlichem Surfunfall - viele Fragen offen
Die legendäre Eisbachwelle in München ist zum Politikum geworden. Nach dem tödlichen Unfall, heimlichen Einbauten und Surfverbot köchelt es in der Szene. Und es gibt eine wesentliche Frage.
Früher standen die Surfer Schlange für einen Ritt auf der berühmten Welle. (Archivfoto)Peter Kneffel/dpa
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Grünes Wasser, Surfer, die elegant auf der Welle reiten – und Besucher aus aller Welt, die eifrig Fotos schießen. Der Eisbach in München hat sich über Jahrzehnte zu einem international bekannten Spot entwickelt. Münchner Surfer zählten Mitte der 1970er Jahre zu den Pionieren des Flusssurfens, weit weg vom Meer: Ein Surferparadies mitten in der Stadt. Trotz der intensiven Nutzung - im Sommer ebenso wie im Winter und oft bis tief in die Nacht - wurden lange keine schweren Unfälle bekannt. Bis vor einem Jahr. Nach einem Unfall stirbt eine 33-jährige erfahrene Surferin.
Die Surferszene ist unter Schock. Die Welle wird gesperrt. Seither gibt es immer neue Probleme. Der Surfbetrieb lief nur zeitweise wieder - und nicht mehr unbeschwert wie zuvor.
Was an dem Abend geschah
Wie so oft wird auch am späten Abend des 16. April 2025 auf dem reißenden Eisbach gesurft. Die 33-Jährige ist mit ihrem Lebensgefährten da. Als sie vom Board ins Wasser fällt, verfängt sich ihre am Knöchel befestigte Sicherheitsleine unter Wasser. So berichtet es später die Staatsanwaltschaft.
Der Lebensgefährte hört demnach gegen 23.28 Uhr Hilfeschreie und sieht, wie seine Freundin unter Wasser verschwindet. Vergeblich versucht er, sie zu befreien - die Strömung ist zu stark. Passanten setzen einen Notruf ab. Bis die Frau mit Hilfe der Feuerwehr geborgen werden kann, vergehen rund 30 Minuten. Eine Woche kämpfen die Ärzte um ihr Leben. Sie stirbt am 23. April im Krankenhaus.
Blumen erinnern im vergangenen Fürhjahr an das tödliche Unglück. (Archivfoto) Peter Kneffel/dpa
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Wiedereröffnung mit Überwachung
Nach einer mehrwöchigen Sperrung während der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gibt der damalige Oberbürgermeister Dieter Reiter das Surfen Ende Juni wieder frei. Laut „Süddeutscher Zeitung“ wird es jetzt von Sicherheitsleuten überwacht, die auch Unfälle dokumentieren. Mehrfach, so schreibt die Zeitung unter Berufung auf ein für die Stadt erstelltes Dossier, habe der Krankenwagen anrücken müssen; etwa weil sich Surfer am Kopf verletzten.
Die Szene betont stets, der Sport generell sei weitgehend ungefährlich. Aber, so ein Insider, es gebe kaum einen Surfer, „der noch nie ein Brett ins Gesicht gekriegt hat“. Tödliche Unfälle blieben dennoch die Ausnahme. Etwa 2016 starb ein Surfer Medien zufolge in Österreich. Auch er war mit der Sicherungsleine hängen geblieben.
Die Leash (Leine) als Gefahr ist bekannt. An vielen künstlichen oder halbkünstlichen Wellen ist eine selbstauslösende Leash vorgeschrieben; etwa an der von der Interessengemeinschaft Surfen in München (IGSM) betreuten Welle an der Floßlände oder an der Leinewelle in Hannover.
Welle weg - Surfer fordern Handeln
Im Herbst nach der turnusmäßigen Reinigung des Betts des Eisbachs dann gibt es ein neues Problem: Die Welle ist weg. Sie funktioniert nicht mehr wie früher. Seit Monaten wird nun diskutiert, wie sie wieder stabil surfbar gemacht werden kann.
Im Februar verbot die Stadt das Surfen komplett. Grund war laut Umweltreferat eine neue gefährliche kleine Welle seitlich am Uferrand. Der Rest des Eisbachs sei ein lebensgefährliches sogenanntes Tosbecken mit Weißwasser. Da auf der kleinen Welle dennoch gesurft wurde, habe die Stadt handeln müssen.
Gefährliches Weißwasser sprudelt am Eisbach - ohne Welle. (Archivfoto)Felix Hörhager/dpa
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Die Welle ist inzwischen ein Politikum, sie war ein wichtiges Thema im Kommunalwahlkampf. Münchens neuer Oberbürgermeister Dominik Krause kündigte gleich nach seiner Wahl an, spätestens zu Beginn der Sommerferien solle die Welle wieder freigegeben werden. Doch erst einmal geht es laut Umweltreferat um eine sichere Wiederherstellung der Welle. Ein „finaler Vorversuch“ wurde Ende März bei zu niedrigem Wasserstands verschoben. Neuer Termin: offen.
Die Szene ist ungeduldig. Gut eine Woche nach dem geplatzten Versuch war an Ostern plötzlich die Welle da, einen Tag lang wurde trotz Verbots gesurft. Einmal mehr war dem Vernehmen nach unerlaubt ein Einbau im Wasser installiert worden, um die Welle zu provozieren - wie auch früher schon. Dieses Mal wirkte es fast wie ein Appell: Seht her, es geht – einfach und schnell.
Nur am Karfreitag war Surfen kurz mal möglich. (Archivfoto) Peter Kneffel/dpa
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Längst gibt es in mehreren Städten künstliche Wellen - Expertise ist da. „In zwei Stunden wäre die Sache erledigt, und der Oberbürgermeister wäre ein Problem los“, sagte der Präsident des Surf Club München, Martin Grün an Ostern.
Doch die Lösung muss sicher sein. Die Sorge, dass wieder etwas passiert, ist groß.
Unfallursache bleibt ungeklärt
Bis heute ist nicht ganz geklärt, wie es zu dem tödlichen Unfall kam. Zur Ursachenforschung am Grund des Baches wurde das Wasser abgesenkt, Taucher stiegen ins Wasser. Zu sehen waren Störsteine - gefährliche Hindernisse wurden nicht gefunden.
Taucher suchen nach dem Ablassen des Wassers am Bachgrund nach einer Unfallursache. (Archivfoto) Peter Kneffel/dpa
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Die Staatsanwaltschaft München I hatte ihre Ermittlungen im Juni eingestellt, sie sah kein Fremdverschulden. „Denkbar, aber nicht mit Sicherheit feststellbar ist, dass sich die Surferin mit ihrem Surfbrett oder ihrer Leash an einem der 29 Störsteine verhakte, durch die unter Spannung stehende Leash in der Welle gefangen war und durch die Strömung unter Wasser gedrückt wurde“, teilte die Behörde mit. „Allein die Duldung des Surfens auf der Eisbachwelle durch die Landeshauptstadt begründet keine strafrechtliche Verantwortung für den Todesfall.“
Um die Surfwelle gab es über Jahre Gerangel. Die früher zuständige Schlösser- und Seenverwaltung wollte das Surfen aus Sicherheitsbedenken nicht erlauben. In dem reißenden Gewässer gab es tödliche Unfälle, wenngleich nicht mit Surfern. Die Wassersportler kämpften hartnäckig – bis endlich das Gelände der Stadt übertragen wurde, die das Surfen gemäß einer Allgemeinverfügung von 2010 duldete - auf eigenes Risiko der Sportler.
Knackpunkt Haftung
Wenn nun offiziell mit baulichen Maßnahmen die Welle hergestellt wird, stellt sich verstärkt die Frage nach der Haftung. Die Welle könnte dann zur Sportstätte werden. Jemand müsste wohl die Verantwortung übernehmen - so wie es bei anderen künstlichen oder halbkünstlichen Wellen Vereine tun.
Der Surf Club München lehnt laut Präsident Grün eine dauerhafte Haftung am Eisbach ab. Also die Stadt? Beim Umweltreferat heißt es: „Erst wenn eine technische Lösung gefunden und die Welle wieder surfbar ist, können künftige Nutzungs- und Haftungskonzepte sinnvoll betrachtet werden.“
Das kurze österliche Intermezzo an der Welle lockte viele Schaulustige. (Archivfoto)Peter Kneffel/dpa
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Surfer demonstrierten für „ihre“ Welle. (Archivbild) Felix Hörhager/dpa
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Die Stadt hat das Surfen vorübergehend verboten. (Archivfoto) Peter Kneffel/dpa
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