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Ein Bischof, der Veränderung wollte

Diakonat für Frauen, Priestertum für Verheiratete, Aufarbeitung des Missbrauchs: Karl-Heinz Wiesemann scheute Unbequemes nicht. Sein Amtsverständnis war geprägt von Reformwillen und Menschlichkeit.

19.08.2026

Wiesemann war der 96. Bischof von Speyer. (Archivbild)Uwe Anspach/dpa

Wiesemann war der 96. Bischof von Speyer. (Archivbild)Uwe Anspach/dpa

© Uwe Anspach/dpa

Er wollte nicht bloß verwalten. Der zurückgetretene Bischof von Speyer, Karl-Heinz Wiesemann, gehörte zu jenen Oberhirten der katholischen Kirche, die Veränderung nicht als Bedrohung, sondern als notwendige Antwort auf eine sich wandelnde Gesellschaft verstehen. Der 66-Jährige warb immer wieder für Reformen, mahnte seine Kirche zu mehr Glaubwürdigkeit und stellte sich auch unbequemen Fragen. Dabei ging es ihm nicht nur um Strukturen, sondern um die Menschen, die hinter ihnen stehen.

Reformen für mehr Glaubwürdigkeit

Deutlich wurde das bei der Frage nach dem Diakonat für Frauen. Die theologischen Argumente gegen einen solchen Schritt seien „schon sehr schmal“, sagte der 1. August 1960 in Herford in Nordrhein-Westfalen geborene Wiesemann einmal der Deutschen Presse-Agentur. Die Kirche verliere „ganze Generationen“ junger, engagierter und theologisch kompetenter Frauen.

Wiesemann stammt aus dem Erzbistum Paderborn, wo er am 1. August 1960 in Herford geboren wurde. (Archivbild)Uwe Anspach/dpa

Wiesemann stammt aus dem Erzbistum Paderborn, wo er am 1. August 1960 in Herford geboren wurde. (Archivbild)Uwe Anspach/dpa

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Reformen seien für ihn kein bloßes Nachgeben gegenüber dem Zeitgeist. Es gehe vielmehr um Glaubwürdigkeit. Auch beim Zölibat zeigte sich der am 2. März 2008 ins Amt eingeführte Wiesemann offen für Veränderungen: Ehelosigkeit könne ein hohes Gut sein, müsse aber nicht zwingend für alle gelten. Auch Verheirateten sollte der Weg zum Priestertum offenstehen.

Kirche muss sich bewegen

Wiesemann sah seine Kirche mitten in einem tiefgreifenden Umbruch. Die Säkularisierung habe dazu geführt, dass der Glaube im Alltag vieler Menschen kaum noch eine Rolle spiele. Zugleich hielt er die Kirche gerade deshalb für wichtig: Sie könne Räume schaffen, in denen Menschen Trost finden, zur Ruhe kommen und Orientierung suchen. 

„Um spürbar zu sein, muss der Glaube Lebensrelevanz haben“, sagte er. Traditionen allein reichten ihm nicht. Die Kirche müsse gesellschaftliche Veränderungen stärker wahrnehmen und ihre Botschaft so vermitteln, dass sie wieder im Leben der Menschen ankomme.

Verantwortung statt Schlussstrich

Hart wurde diese Haltung dort, wo die eigene Institution versagt hat. Nach der Studie zum sexuellen Missbrauch im Bistum Speyer forderte Wiesemann eine schonungslose Aufarbeitung und einen umfassenden Kulturwandel. „Einen Schlussstrich unter das Thema Missbrauch kann und darf es nicht geben“, sagte er mehrfach - und räumte ein, das Ausmaß lange nicht erkannt zu haben: „Dafür schäme ich mich persönlich.“ 

Die Priesterweihe empfing Wiesemann 1985 in Rom. (Archivbild)Uwe Anspach/dpa

Die Priesterweihe empfing Wiesemann 1985 in Rom. (Archivbild)Uwe Anspach/dpa

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Beim Lesen der mehr als 470 Seiten sei er immer wieder ins Stocken geraten, sagte er. Die Strukturen der Kirche hätten den Missbrauch maßgeblich begünstigt - eine Erkenntnis, der er sich stellte.

Menschlichkeit als Maßstab

Auch gesellschaftspolitisch suchte Wiesemann eher die Differenzierung als die einfache Antwort. In der Migrationsdebatte warnte er vor einer Zusammenarbeit mit extremistischen Positionen und pochte auf Humanität. 

Im Ukraine-Krieg betonte er das Recht auf Selbstverteidigung, sah Waffen allein aber nicht als Lösung: „Das letzte Ziel muss bleiben, ins Gespräch zu kommen“, war er überzeugt. Seine Grundhaltung beschrieb er als Suche nach Wegen zum würdigen Frieden.

Nachts am Flügel

Bei aller öffentlichen Verantwortung gab es auch den Wiesemann abseits von Kirchenpolitik und Krisen. Eine siebenmonatige Auszeit nach gesundheitlicher Belastung bezeichnete er rückblickend als lehrreich. Er habe gelernt, dass er nicht alles kontrollieren könne und wie wichtig Familie, Freunde und Begegnungen mit anderen Menschen in Krisen seien. Manchmal müsse man durch Krisen gehen, um die Bedeutung des Lebens neu zu erkennen, sagte er.

Und wenn der Tag spät endete, setzte sich der Bischof bisweilen an den Flügel. Dann spielte er Schubert, Bach oder Debussy, oft improvisierte er. „Das ist für mich ein wichtiger Moment, Dinge zu verarbeiten. Oft aus Freude, manchmal aus Frust.“ Zum Üben fehlte ihm Zeit - die könnte er nun durch seinen überraschenden Rücktritt gewonnen haben.