Ein Betreuungsplatz bedeutet noch kein gutes Ganztagsangebot
Klappt’s trotz Betreuungsplatz noch mit Treffen von Freunden, dem Sportverein und der Klavierstunde? Fehlende Flexibilität, hohe Kosten und fehlendes Fachpersonal sind die höchsten Hürden.
In Rheinland-Pfalz gibt es knapp 1.000 Grundschulen. (Archivbild)Hendrik Schmidt/dpa
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Holpriger Start bei der Ganztagsbetreuung in Rheinland-Pfalz: Bildungsministerin Ute Eiling-Hütig (CDU) hat zwar versichert, dass jedes Kind im Land bei Bedarf einen Betreuungsplatz bekommt. Ein Betreuungsplatz allein mache aber noch kein gutes Ganztagsangebot aus, sagt Landeselternsprecher Denis Scholz.
Seit dem neuen Schuljahr gilt der Rechtsanspruch für Kinder der ersten Klasse, schrittweise folgen dann in den kommenden Schuljahren die nachfolgenden Jahrgänge. Der Bedarf an verlässlicher Betreuung ist in Rheinland-Pfalz deutlich spürbar bei Eltern, um Familie und Beruf vereinbaren zu können, regional allerdings deutlich differenziert.
Regional sehr unterschiedliche Bedürfnisse
Erste Rückmeldungen aus Schulen, von Eltern und Schulträgern zeigten jedoch ein sehr unterschiedliches Bild bei der Umsetzung des Rechtsanspruchs, berichtet der Vorstand des Landeselternbeirats der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. An einigen Schulen funktioniere der Ganztag gut und werde von den Eltern positiv angenommen.
Es gebe aber auch noch Schulen deutlichem Herausforderungen bei Personal, Räumlichkeiten, Finanzierung und der Qualität der Angebote. Jede Schule sollte zwar die Möglichkeit haben, ihr eigenes Profil zu entwickeln. Benötigt würden aber verbindliche und gesetzlich festgelegte Mindeststandards für die Qualität des Ganztages geben, betont Scholz.
Eltern wünschen sich mehr Flexibilität
Die Eltern wünschen sich nach seinen Angaben zudem weniger starre Regelungen, sondern mehr Flexibilität etwa durch zusätzliche Abholzeiten oder die Möglichkeit, den Ganztag an einzelnen Wochentagen zu nutzen. Die Angebote müssten zu den Familien passen. Die Kinder benötigten auch noch Zeit für ihre Hobbys, Vereine, Freunde und zum Erholen, sagt der Landeselternsprecher zur Begründung.
Familien wünschen sich mehr Flexibilität durch zusätzliche Abholzeiten. (Archivbild)Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/dpa
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Auch die Bildungsgewerkschaft GEW berichtet, die Schulträger seien sehr unterschiedlich gut vorbereitet auf den Rechtsanspruch und unterschieden sich je nach Standort spürbar. Das größte Problem sei, dass sich an vielen Standorten keine Fachkräfte in den Ganztagsteams befänden, kritisiert die GEW-Vorsitzende Christiane Herz.
An Halbtagsgrundschulen, deren Unterricht nach der vierten oder fünften Stunde endet, befänden sich von 14 bis 16 Uhr die Betreuungspersonen allein im Haus. „So kann es vorkommen, dass sich in einer Ganztagsgruppe nur eine Aufsichtsperson befindet“, berichtet Herz. Dabei gehe es auch um die Aufsichtspflicht und etwa dem Umgang bei einer Verletzung eines Kindes.
Instituts der deutschen Wirtschaft sieht größere Lücken
Die Schilderungen aus der Praxis in Rheinland-Pfalz decken sich mit der Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft: Demnach bestehen in einigen westdeutschen Ländern teilweise noch größere Lücken bei der Erfüllung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung. Es werden zwar nur wenige Familien mit Sechsjährigen bei einem Betreuungsplatz leer ausgehen. Im Zweifel werde eher die Qualität der Betreuung leiden.
Erfüllen müssen den Rechtsanspruch auf bis zu acht Stunden Betreuung pro Tag die örtlichen Träger der öffentlichen Jugendhilfe. In Rheinland-Pfalz sind das insgesamt 41 Jugendämter. Zuständig sind demnach die Landkreise, kreisfreien Städte und großen kreisangehörigen Städte mit eigenem Jugendamt.
Praktisch heißt das: Die Jungen und Mädchen gehen nachmittags in den Hort und werden dort betreut, sowohl bei Hausaufgaben als auch bei Spiel und Sport. Bis 2029 soll der Anspruch schrittweise bis zur vierten Klasse ausgeweitet werden.
Schwieriger Freitagnachmittag
Die flächendeckende Erfüllung des Rechtsanspruchs stelle die Kommunen als Schulträger vor erhebliche organisatorische Herausforderungen, teilten Städte- und Landkreistag sowie Gemeinde- und Städtebund auf dpa-Anfrage in einem gemeinsamen Statement mit. Die vorhandenen Betreuungsstrukturen reichten dafür nicht überall aus. Deshalb müssten zusätzliche Angebote geschaffen und weitere Träger eingebunden werden.
Schulträger klagen über hohe Kosten. (Archivbild)Patrick Pleul/dpa
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Gerade bei der Sicherstellung der Betreuung am Freitagnachmittag an Ganztagsgrundschulen sowie bei der Organisation einer für Familien finanziell tragbaren Ferienbetreuung gebe es Lücken. „Hier stoßen viele Kommunen an ihre finanziellen Grenzen, was zu einer deutlichen Erhöhung der Eigenbeiträge für Familien führen könnte.“ Eine aktive und dauerhafte Unterstützung von Bund und Land seien deshalb dringend erforderlich.
Hohe Kosten für Kommunen als Schulträger
Der Fachkräftemangel sei für die Schulträger deutlich spürbar, dazu kämen hohe Bau- und Betriebskosten sowie die Organisation der Betreuung außerhalb der Unterrichtszeiten und während der Ferien. Nach den Prognosen der kommunalen Spitzenverbände aus dem Jahr 2025 belaufen sich die kommunalen Mehrkosten für die Umsetzung der ganztägigen Betreuung auf bis zu 450 Millionen Euro im Zeitraum 2026 bis 2030.
Für die Berechnung seien fünf Wochentage für acht Stunden inklusive der Ferienzeiten unter Berücksichtigung von Schließzeiten und Elternbeiträgen zugrunde gelegt worden. Die prognostizierten Kosten überstiegen damit die bundesseitig zur Verfügung gestellten Mittel deutlich. Das zeigte, dass ohne eine stärkere finanzielle Unterstützung durch das Land die Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Dauer kaum zu bewältigen sein werde.
Land an laufenden Kosten beteiligen
Der Bund stellt Rheinland-Pfalz nach Angaben der Spitzenverbände für den Zeitraum 2026 bis 2030 rund 182 Millionen Euro für die laufenden Personal-, Sach- und Betriebskosten zur Verfügung. Dieses Mittel müssten vollständig an die Kommunen weitergeleitet werden. Selbst dann wäre die Finanzierung der tatsächlichen Kosten noch nicht gesichert. Das Land muss sich deshalb darüber hinaus angemessen an den laufenden Kosten beteiligen.
In Rheinland-Pfalz gibt es knapp 1.000 Grundschulen. 86 Prozent der allgemeinbildenden Schulen und über 90 Prozent der Grundschulen verfügen laut Bildungsministerium im Land über Ganztagsangebote. In jeder der 170 Verbandsgemeinden, verbandsfreien Gemeinden und Städte gibt es demnach mindestens ein Ganztagsangebot im Grundschulbereich.
13 neue Ganztagsschulen
13 neue Schulen waren zu Beginn des neuen Schuljahrs als Ganztagsschulen in Angebotsform dazugekommen. Im Doppelhaushalt der Jahre 2025 und 2026 stellt das Land für die Ganztagsschule über alle Schularten insgesamt rund 245 Millionen Euro bereit.
Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung gilt zunächst für Kinder der ersten Klasse.Uwe Anspach/dpa
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