Die Sucht, Tiere zu sammeln: „Animal Hoarding“ in Thüringen
Unabhängig von der Art werden beim „Animal Hoarding“ Tiere massenhaft und in widrigen Umständen gehalten. Wie sieht das Phänomen in Thüringen aus?
Tierheime gehören mit zu den Leidtragenden des „Animal Hoardings“: Sie müssen oft eine große Zahl von Tieren in schlechtem Zustand aufnehmen, wenn die Behörden den Haltern diese wegnehmen. (Symbolbild)Martin Schutt/dpa
© Martin Schutt/dpa
Fälle von Tierhortungen beschäftigen selten, aber immer wieder Veterinärämter und manchmal sogar die Polizei in Thüringen. Dabei geht es um oft verwahrloste, unterernährte und kranke Tiere und das in großen Mengen: Denn die Halter sammeln so viele lebende Vierbeiner, Vögel, oder andere Arten an, dass sie sich kaum um sie kümmern können.
Eine ungefähre Vorstellung über die Lage in Thüringen ergibt sich beim Blick in eine Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der AfD-Landtagsabgeordneten Nadine Hoffmann zu dem Thema.
Von Meerschweinchen bis Pferd
Dort listet das Ministerium zwölf solcher Fälle aus dem vergangenen Jahr auf, bei denen in Thüringen aufgrund von Meldungen der Veterinärämter von Tierhortung auszugehen ist. Mehr als 240 Tiere in verschiedenen Landkreisen waren betroffen: von Meerschweinchen bis Pferde. In einem Fall lässt die Auflistung gar an einen kleinen Haustierzoo denken: zwölf Hunde, zehn Katzen, ein Kaninchen, zwei Meerschweinchen, zwei Ziegen und sieben Pferde.
Gleichzeitig betont das Ministerium, dass die Zahlen unter Vorbehalt stünden. Das hänge etwa damit zusammen, dass im Tierschutzrecht das Phänomen der Tierhortung nicht definiert und explizit erfasst werde. Zudem seien bislang nicht alle Fälle abschließend bearbeitet worden.
Hoffmann sieht dennoch einen tendenziellen Anstieg der Fälle: Sie verweist auf frühere Antworten des Ministeriums zu dem Thema, bei denen die Zahlen allerdings unter ähnlichen Vorbehalten stehen. Während 2020 vier Tierhortungsfälle gelistet wurden, waren es in den Jahren 2021, 2022 und 2023 jeweils acht gewesen. 2024 waren es allerdings 14 Fälle gewesen.
Tierschutzbund sieht zunehmendes Problem
Von einer Zunahme des Ausmaßes von Tierhortung berichtet der Deutsche Tierschutzbund. Der Verein befragt seit einigen Jahren die Veterinärämter und listete für das vergangene Jahr 150 Fälle mit mindestens 13.275 betroffenen Tieren auf. Das seien deutlich mehr Tiere als im Vorjahr.
Dem Tierschutzbund zufolge handelt es sich beim „Animal Hoarding“ um eine Art Tiersammelsucht: Die betroffenen Menschen halten unverhältnismäßig viele Tiere, sodass sie diese nicht richtig versorgen können. „Sie geben ihren Schützlingen zu wenig Futter und Wasser und vernachlässigen sowohl die Hygiene, die Pflege als auch die tierärztliche Betreuung“, heißt es auf der Website des Tierschutzbunds zu dem Phänomen. Häufig würden die Halter das Leid der Tiere in ihrer Obhut selbst nicht realisieren.
Werden solche Fälle bekannt, können die Veterinärämter eingreifen. Sie können veranlassen, dass die Haltung verbessert werden soll oder dass Tiere aus der Obhut der Halter genommen werden. Auch komplette oder teilweise Haltungsverbote sind möglich. Daneben können den Haltern Strafverfahren und Bußgelder blühen. In manchen Fällen leistet gar die Polizei bei Kontrollen und Eingriffen den Veterinärämtern Amtshilfe.
Katzen aus für Mensch und Tier unhygienischen Zuständen gerettet
In einem öffentlich bekanntgewordenen Fall im vergangenen Jahr wurden etwa 26 Katzen aus widriger Haltung im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt gerettet. Bei entsprechenden Kontrollen des Veterinäramts im Zuge von Tierschutzanzeigen stellte dieses etwa „hochgradig unhygienische Zustände für Mensch und Tier“ fest.
Der Fall illustriert auch, warum die Auswirkungen von „Animal Hoarding“ viele Stellen beschäftigen kann: Die betroffenen Katzen wurden in ein Tierheim gebracht, das mit der Ankunft der Vierbeiner dann aber voll belegt war. Im Sommer erklärte etwa die Leiterin des SWE Tierheims in Erfurt das grundsätzliche Problem, dass die Einrichtung immer ausreichend Plätze für Wegnahmen von Tieren etwa in „Animal Hoarding“-Fällen bereithalten müsse.
Bei der Organisation Aktion Tier heißt es zudem, dass bereits die medizinische Betreuung von Tieren aus solchen Haltungen häufig langwierig und teuer sei. Solche Tiere könnten zudem verhaltensgestört sein, müssten stärker betreut werden und seien schwieriger als andere zu vermitteln.