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Die Praxis ohne Arzt

Augenuntersuchung ohne Arzt vor Ort: In Salzwedel übernimmt das Praxisteam die Messungen, die Auswertung erfolgt digital aus der Ferne. Warum das Modell in Sachsen-Anhalt Schule machen könnte.

30.01.2026

 In Salzwedel übernimmt das Praxisteam die Messungen.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

In Salzwedel übernimmt das Praxisteam die Messungen.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Das große graue Gerät piept beim Einstellen. Doch Ulrich Fehse kennt das schon, er macht das nicht zum ersten Mal. Routiniert beugt sich der 75-Jährige nach vorn, lehnt seine Stirn an die Vorrichtung und wartet, bis alles auf seine Augen eingestellt ist. „Können Sie da was lesen?“, fragt ihn die medizinische Fachangestellte vom Praxisteam. Der Patient legt los: „CNDT4.“

Ulrich Fehse ist in Salzwedel beim Augenarzt, obwohl kein Arzt da ist. Es kommt auch morgen keiner. Begleitet werden die Patienten vor Ort von fünf Frauen: medizinische Fachangestellte, Optikermeisterinnen und Optikerinnen führen die Messungen durch. Im Anschluss werden die Daten von Augenärzten an anderen Orten ausgewertet. Die Patienten erhalten später eine Information über ihre Befundergebnisse, Folgetermine und bei Bedarf eine Überweisung zur weiterführenden Diagnostik.

Auf dem Land gehen die Fachärzte aus

Das Vorgehen in der Altmark könnte bald auch an anderen Orten in Sachsen-Anhalt Nachahmer finden. Besonders im ländlichen Raum gehen die Fachärzte aus. Immer wieder schließen Praxen, ohne dass es einen Nachfolger gibt.

Hier hat es de facto eine „Nullversorgung“ gegeben, sagt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztliche Vereinigung, Jörg Böhme.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Hier hat es de facto eine „Nullversorgung“ gegeben, sagt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztliche Vereinigung, Jörg Böhme.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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Der Medizinermangel zeigt sich unter anderem in der Augenheilkunde. Aktuell sind sieben von 159,5 Stellen in Sachsen-Anhalt nicht besetzt. Die meisten offenen Stellen (3,5) gibt es im Altmarkkreis Salzwedel. Im Norden des Landes ist zudem jeder dritte Augenarzt älter als 60 Jahre, so dass die Versorgungssituation in den nächsten Jahren noch schwieriger werden könnte.

In Salzwedel ist es trotz finanzieller Anreize nicht gelungen, einen Augenarzt zu gewinnen. Hier habe es de facto eine „Nullversorgung“ gegeben, sagt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztliche Vereinigung, Jörg Böhme.

Feedback der Patienten ist positiv

Also musste die Kassenärztliche Vereinigung selbst aktiv werden. 2024 wurde das Modellprojekt „TEAS“ ins Leben gerufen - das steht für „Telemedizinische Einheit Augenheilkunde Salzwedel“. Das Feedback der Patienten sei bisher sehr positiv, sagt Böhme.

Die Daten werden von Augenärzten an anderen Orten ausgewertet.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Die Daten werden von Augenärzten an anderen Orten ausgewertet.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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„Das ist eine gute Sache“, betont auch Patient Ulrich Fehse zwischen zwei Untersuchungen. Seine Augenärztin in Klötze sei in den Ruhestand gegangen. Durch „Mundpropaganda“ habe er schließlich von den Möglichkeiten in Salzwedel erfahren. Seine Hausärztin hat ihn dorthin überwiesen. „Man will ja wissen, was mit den Augen ist“, sagt der 75-Jährige. Er ist froh darüber, dass es in der Region ein augenärztliches Angebot gibt und er mit dem Auto nicht noch weitere Strecken zurücklegen muss.

Befunde werden an anderen Orten ausgewertet

Das Praxisteam prüft bei Ulrich Fehse die Sehschärfe, misst den Augeninnendruck und kontrolliert Hornhaut und Bindehaut. Das alles dauert keine halbe Stunde. Nun werden die Daten verschlüsselt digital übertragen. Jedes Gerät musste entsprechend an die Technik angebunden werden. Vier Augenärzte arbeiten aktuell mit der Einrichtung in Salzwedel zusammen und schauen sich die Befunde im Nachgang an - teilweise leben sie nicht einmal in Sachsen-Anhalt.

Etwa zwei bis drei Stunden pro Tag sitzt Augenarzt Christian Heider an seinem Rechner.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Etwa zwei bis drei Stunden pro Tag sitzt Augenarzt Christian Heider an seinem Rechner.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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Einer der Ärzte ist Christian Heider. Etwa zwei bis drei Stunden pro Tag sitzt er an seinem Rechner. „Es ist praktikabel“, sagt der 70-Jährige, der seine Praxis nach 30 Jahren geschlossen hat und im Ruhestand noch ein wenig aktiv sein möchte. Im Bedarfsfall stellt er den Patienten Rezepte und Überweisungen für Operationen beim Spezialisten aus. Auch die Betreuung nach den Eingriffen kann er aus der Ferne übernehmen.

Alles, was organisatorisch mit den Patienten zu klären ist, erledigt das Praxisteam. Inzwischen kommen sogar einige Patienten aus Niedersachsen nach Salzwedel.

Ärzte werden entlastet

Das Land Sachsen-Anhalt fördert das Modellprojekt bis Ende 2026 mit rund zwei Millionen Euro. „Telemedizin trägt zu besseren Behandlungsergebnissen bei, da spezialisiertes Wissen unabhängig vom Standort verfügbar ist, Diagnosen schneller erfolgen und Therapien früher beginnen können“, sagt Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD). „Gleichzeitig entfallen für viele Patientinnen und Patienten lange Anfahrtswege.“

Und die Ministerin sieht noch einen weiteren Vorteil: Das Projekt belegt, dass bei der Diagnostik nicht immer zwingend Ärzte vor Ort erforderlich sind. Das Praxisteam könne zuarbeiten, betont die Ministerin. Das Thema Delegation von Leistungen werde immer wichtiger, auch um Fachärzte zu entlasten. Wobei auch Grimm-Benne und Böhme wissen: Das geht mit Telemedizin beim Augenarzt oder einer Kontrolle von Herzwerten einfacher als beim Orthopäden.

Welche Zukunft das Salzwedeler Projekt ab 2027 hat, ist noch offen. Ziel müsse es sein, dass das Modell in die Regelversorgung übergeht, sagt Jörg Böhme.

2024 wurde das telemedizinische Modellprojekt TEAS ins Leben gerufen - das steht für „Telemedizinische Einheit Augenheilkunde Salzwedel“.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

2024 wurde das telemedizinische Modellprojekt TEAS ins Leben gerufen - das steht für „Telemedizinische Einheit Augenheilkunde Salzwedel“.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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Darauf setzt auch Patient Ulrich Fehse. Zudem hat er einen Verbesserungsvorschlag. Es wäre schön, wenn auch ein persönlicher Kontakt zum Arzt möglich wäre, sagt der 75-Jährige. Böhme nickt. Dass ein Arzt in die Praxis kommt, ist zwar eher unwahrscheinlich. Aber eine Zuschaltung per Video hält der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung für möglich.

Neue Plattform soll kommen

Das würde auch in die Gesamtstrategie des Landes passen. Denn Patienten in Sachsen-Anhalt sollen künftig noch stärker von telemedizinischen Leistungen profitieren. Die Universitätskliniken Halle und Magdeburg bauen gerade eine neue Plattform auf, die Telekonsultationen einfacher ermöglichen soll. Das Land fördert das Vorhaben mit rund zwölf Millionen Euro.

Ziel ist, Spezialisten digital dazuzuschalten und so in die Behandlung einzubinden. Die Patienten sparen so zusätzliche Wege. Mit der Plattform sollen auch fachliche Beratungen, die Fernüberwachung von Patienten oder der Austausch von Patientendaten vereinfacht werden. 

Gesundheitsministerin Grimm-Benne sagt: „Angesichts des demografischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels müssen wir uns die Möglichkeiten der Digitalisierung zunutze machen.“

Routiniert beugt sich der 75-jährige Patient nach vorn, lehnt seine Stirn an die Vorrichtung und wartet, bis alles auf seine Augen eingestellt ist.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Routiniert beugt sich der 75-jährige Patient nach vorn, lehnt seine Stirn an die Vorrichtung und wartet, bis alles auf seine Augen eingestellt ist.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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„Angesichts des demografischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels müssen wir uns die Möglichkeiten der Digitalisierung zunutze machen“, sagt Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

„Angesichts des demografischen Wandels und des zunehmenden Fachkräftemangels müssen wir uns die Möglichkeiten der Digitalisierung zunutze machen“, sagt Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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„Können Sie da was lesen?“, fragt die medizinische Fachangestellte.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

„Können Sie da was lesen?“, fragt die medizinische Fachangestellte.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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Besonders im ländlichen Raum gehen die Fachärzte aus. Immer mehr Praxen schließen, ohne dass es einen Nachfolger gibt.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Besonders im ländlichen Raum gehen die Fachärzte aus. Immer mehr Praxen schließen, ohne dass es einen Nachfolger gibt.Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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