Cocktails und Eis: Bei Hitze halten im Heim alle zusammen
Was tun, wenn eine 101-Jährige zu wenig trinkt? An heißen Tagen müssen Pflegekräfte kreativ werden, um die Gesundheit Älterer zu schützen. Allen ist klar: Nur gemeinsam können sie Leben retten.
Cocktail oder Saft: Beim Trinken werden die Pflegekräfte kreativ.Hannes P. Albert/dpa
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Für sie kann die Hitze lebensbedrohlich sein: Im Pflegeheim „Traute und Hans Matthöfer-Haus“ in Oberursel passen die Bewohnerinnen und Bewohner an heißen Tagen deshalb besonders gut aufeinander auf. „Uns gibt es nur im Zweier-Pack“, sagt die 90-jährige Marianne Seyl und zeigt auf ihre 101-jährige Freundin Elfriede Kaiser. Immer wieder gehe sie an heißen Tagen nach ihr schauen, sagt Seyl.
Wenn es heiß wird, merkt es die 101-Jährige. „Die Hitze setzt einem sehr zu. Ich habe eine Unruhe in mir“, sagt sie. „Ich bin nur müde, ich könnt‘ nur schlafen.“ Aber auch dann hält sie sich fit: Sie putze dennoch regelmäßig ihr Zimmer und gehe spazieren – wenn es die Gesundheit denn zulasse. Das wolle sie auch nach dem heißen Wochenende so machen, wenn es wieder kühler werde.
Elfriede Kaiser und Marianne Seyl passen an heißen Tagen aufeinander auf.Hannes P. Albert/dpa
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Sie alle hier wissen: Wenn sie gut durch die Hitze kommen wollen, geht das nur gemeinsam. 143 Betten gibt es hier im Haus und mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
„Wir versuchen, unseren Bewohnerinnen und Bewohnern unser Bestes zu geben“, erklärt Einrichtungsleiterin Leyla Saglam. „Wir haben gemeinsam Krankenhauseinweisungen verhindert“, sagt sie mit Blick auf die bisherigen Hitzetage. „Ich bin auch sehr, sehr stolz auf unsere Bewohnerinnen und Bewohner, die haben alle tapfer mitgemacht.“ Auch die Angehörigen und Ehrenamtler hätten sie unterstützt.
„Also ich bin Wenigtrinker, höchstens mal ein Glas Wein“
Am Donnerstag etwa zogen Mitarbeiterinnen mit einer Eiskaffee-Station von Raum zu Raum. Das gefiel den Bewohnerinnen und Bewohnern sichtlich gut - nur die 101-jährige Elfriede Kaiser war damit nicht zu locken.
Wie sie das Angebot von Wassereis & Co. findet? „Wer es gerne nimmt. Also ich bin Wenigtrinker, höchstens mal ein Glas Wein, was man ja nicht hat“, sagt sie und lacht. „Wenn man vom Rheingau kommt, ist es eine Umstellung. Aber Wasser schmeckt mir auch ganz gut.“
In ihrer Kindheit habe es nie Eis gegeben, erinnert sie sich. „Der Krieg war meine Jugendzeit.“ Damit sie im Sommer dennoch genug trinkt, wird sie von Freundin Marianne Seyl daran erinnert. „Öfters“, sagt Seyl und lächelt Kaiser an.
Getränkestationen, Obst, Salzbrezeln: In der Pflegeeinrichtung steht alles parat.Hannes P. Albert/dpa
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Denn gerade bei älteren Menschen ist die Hitze nicht nur nervig und anstrengend – sie kann auch ganz schnell gefährlich werden. „Hitze stellt für ältere Menschen ein besonderes Gesundheitsrisiko dar, da mit zunehmendem Alter sowohl das Durstempfinden als auch die körpereigenen Mechanismen zur Temperaturregulation nachlassen“, erklärt Mai Yen Le-Diemar, Referentin für Stationäre Pflegeeinrichtungen beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) Hessen. „Sie wird zudem von Senioren häufig weniger stark wahrgenommen oder ihre Auswirkungen werden unterschätzt, sodass Gegenmaßnahmen oft zu spät ergriffen werden.“
Bestehende Erkrankungen und bestimmte Medikamente könnten die Hitzebelastung verstärken, sagt sie. Dadurch steige das Risiko für Dehydration, Kreislaufstörungen und hitzebedingte Notfälle.
Cocktails, Wassermelone, Milchshakes und Eiskaffee
Damit sie solche Notfälle erkennen, werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Pflegeheims in Oberursel geschult, sagt Saglam. Außerdem gebe es sogenannte Hitzekonferenzen, wo besprochen werde, was beachtet werden müsse und was verbessert werden könne. „Besonders gefährdete Menschen brauchen besonderen Schutz“, sagt sie. Dazu zählten etwa demente, bettlägerige oder chronisch erkrankte Menschen.
Ein Eiskaffee oder eine Eisschokolade helfen manchen, genug zu trinken.Hannes P. Albert/dpa
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An heißen Tagen werden sie deshalb kreativ. „Wenn ich nur Wasser anbiete, das trinken die Bewohner nicht mehr“, sagt die Leiterin. „Dann haben wir alkoholfreie Cocktails angeboten, Wassermelone, Milchshake, Wassereis, kalte Suppen, kalter Tee.“ Auch die Speisepläne werden angepasst - das geht in Oberursel vergleichsweise einfach, da in der Einrichtung selbst gekocht wird. Überall im Haus sind Getränkestände verteilt, Salzbrezeln und Obst liegen stets griffbereit.
Manche Räume seien schon mit Klimageräten ausgestattet, bei anderen fange man jetzt damit an. „Von heute auf morgen schaffen wir das leider nicht“, sagt Saglam. Es gebe aber auch mobile Klimageräte, die dann in die heißesten Räume kommen.
„Jeder Schluck zählt“
Die Hitze sei für den ambulanten Pflegedienst im Frankfurter Gutleutsviertel momentan die zentrale Aufgabe, sagt Pflegedienstleiterin Svjetlana Nikic. „Wir reagieren nicht erst, wenn die Menschen Schwindel, Exsikkose oder Kopfschmerzen haben, sondern wir wollen vorbeugen“, sagt Nikic.
Mit Erfolg: Keine hitzebedingte Krankenhauseinweisung sei bislang in den von ihnen besuchten Seniorenwohnheimen der Awo zu verzeichnen. Ob dreimal pro Woche oder bis zu fünfmal täglich – der ambulante Pflegedienst besuche die Anwohner je nach Bedarf unterschiedlich häufig und erinnere stetig: Leichte Kleidung, morgens lüften und natürlich viel trinken. „Jeder Schluck zählt“, erklärt Nikic.
Auf den Esstischen in der Pflegeeinrichtung sind Informationen zur Hitzewarnung ausgelegt.Hannes P. Albert/dpa
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Die aufgehängten Erinnerungsflyer in den Wohneinrichtungen findet die Anwohnerin Lydia Hergenhahn-El Mourabit gut. Viermal am Tag komme der Dienst bei ihr vorbei. Sie trinke und schlafe viel, ziehe sich locker an. „Ich sehe es positiv“, sagt Hergenhahn-El Mourabit, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Bei der Hitze störten sie nur die engen Kompressionsstrümpfe, aber auf die wolle sie lieber nicht verzichten.
„Dann habe ich den Spieß umgedreht“
Auch beim Ambulanten Dienst setzen sie auf kreative Lösungen. Dabei hilft Jocelyn Flores da Silva, die Teamleiterin vor Ort. Bei Dorothea Jungheimer habe Flores da Silva etwa einen Arzttermin vorverlegt, damit die Anwohnerin nicht in der Mittagshitze rausmüsse. Jungheimer sagt, sie komme in ihrer Wohnung gut zurecht. „Also wenn ich längere Zeit draußen bin, dann macht mir die Hitze zu schaffen.“
Teilweise werde sie daran erinnert, zu trinken, aber der Pflegedienst „sieht ja schon, dass mein Glas auf dem Tisch steht“, sagt Jungheimer. Dann biete die Anwohnerin den Pflegekräften ein Getränk an, scherzt Jocelyn Flores da Silva. „Dann habe ich den Spieß umgedreht“, sagt Jungheimer. Sie freue sich über den Kontakt mit den Pflegekräften: „Das lenkt uns ab.“
Viele müssen ans Trinken erinnert werden - da kann auch Obst helfen, Wasser aufzunehmen.Hannes P. Albert/dpa
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