WM 2026

Abgesang einer Fußball-Nation mit Noch-Trainer Nagelsmann

Weltklasse war vorgestern. Das dritte WM-Desaster lässt Deutschland als traurige Fußball-Nation zurück. Der Bundestrainer spürt die Verantwortung - und will dennoch bleiben. Aber darf er das auch?

30.06.2026

Julian Nagelsmann ist mit der DFB-Elf bei der WM früh gescheitert. Christian Charisius/dpa

Julian Nagelsmann ist mit der DFB-Elf bei der WM früh gescheitert. Christian Charisius/dpa

© Christian Charisius/dpa

Julian Nagelsmann zog seinen silbernen Koffer durch den Kellergang der WM-Arena von Foxborough. In der schwülen Abendluft hing der klebrige Duft von Burgern, Bier und Hotdogs. Am Mannschaftsbus der Fußball-Nationalmannschaft, auf den der (Noch-)Bundestrainer mit schnellem Schritt zusteuerte, blinkten abwechselnd als Leuchtschrift die Wörter „Academy“ und „Charter“ - und nicht World Champions.

Der Blick von Nagelsmann war leer und müde. Der Interview-Marathon nach der unfassbaren WM-Enttäuschung in der ersten K.-o.-Runde mit dem 3:4 im Elfmeterschießen gegen Paraguay hatte dem 38-Jährigen massiv zugesetzt. Gescheitert. Schon wieder viel zu früh. Dramatisch, aber kläglich. Vor allem aber: Selbstverschuldet. Die vollmundige Titelansage aus dem EM-Sommer 2024 wirkt wie ein lächerliches Relikt. Aber: Ein Rücktritt kommt nicht infrage. 

Während Kapitän Joshua Kimmich mit geradem Kreuz den dritten frühen WM-K.-o. nach 2018 und 2022 analysierte, sich bei den Fans entschuldigte und seinen Willen zu neuen Titel-Anläufen verkündete, wirkte Nagelsmann persönlich zu angefasst, dass er das Geschehen über sein eigenes Unglück hinaus hätte einordnen können. Sein potenzieller Nachfolger Jürgen Klopp hatte da als TV-Experte schon wichtige Analysen für den notwendigen radikalen Neuaufbau geliefert.

Kimmichs echtes Kapitäns-Statement

„Ich werde immer die Power haben für einen neuen Anlauf. Was ich niemals tun werde ist: Aufgeben“, sagte Kapitän Kimmich, der auch wie ein Kapitän auftrat. Anders als 2022 in Katar sprach er nicht von einem Loch, in das er fürchte zu fallen. Nagelsmann Abgang war dagegen ein Sinnbild für seine missliche Lage. 

Sein Mentor Rudi Völler und DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig gingen hinter ihm. Mit einem knappen Sicherheitsabstand. DFB-Präsident Bernd Neuendorf war schon vorausgegangen. Den Zuruf eines dpa-Reporters, wie es nun weitergeht, beantwortete der Verbandsboss mit einem knappen: „Jetzt fliegen wir erstmal.“ Das sollte heißen: Keine Panik-Reaktion. 

Einen Rücktritt schloss Julian Nagelsmann trotzig aus.Tom Weller/dpa

Einen Rücktritt schloss Julian Nagelsmann trotzig aus.Tom Weller/dpa

© Tom Weller/dpa

Auch bei der Ankunft in Winston-Salem ging Nagelsmann wie ein geschlagener Trainer über das Rollfeld des kleinen Smith Reynolds Airports. Ein letztes Mal ging es zum WM-Quartier The Graylyn Estate, das viel eher als gedacht aufgelöst werden muss. Die Idylle hat ausgedient - fast drei Wochen vor dem WM-Finale. 

Da kam aber auch ein Trainer, der das Feld nicht freiwillig räumt. Egal, wie groß der Sturm der Entrüstung einer schon wieder gekränkten Fußball-Nation auch sein mag. Nagelsmann betonte in seiner größten Niederlage, dass die Verantwortlichen schon wüssten, welche Qualitäten er als Trainer habe. „Die Argumente liefere ich den Bossen. Jeder weiß, wie ich als Trainer ticke. Jeder weiß, wie meine Art von Fußball aussieht“, sagte er. Das klang vor allem trotzig. 

Verweis auf Vorgänger Löw und Flick

„Ich bin keiner, der sagt, ich trete zurück, weil wir ausgeschieden sind. Wenn der DFB möchte, dass ich weitermache, mache ich weiter. Und wenn er das nicht möchte, dann muss man mir das sagen“, verkündete er. Eine Mitschuld? War nicht sein Thema. Stattdessen verwies er auf seine Vorgänger Joachim Löw und Hansi Flick, die 2018 und 2022 WM-Schiffbruch erlitten hatten und beide noch bleiben durften. Deren „Outcome“ sei ähnlich gewesen. Es war ähnlich schlecht.

Nagelsmann sprach in einer absonderlichen Wortwahl von Neuendorf, Völler und Rettig, als von den „drei genannten Herren“. Diese drei Herren müssen nun eine wichtige Personalentscheidung fällen. Oder war die auf dem Rückflug aus Massachusetts womöglich schon gefallen? Die Fußball-Nation verlangt Antworten. Wenige Fans mochten es so sehen, wie Bundeskanzler Friedrich Merz, der einen arg freundlichen Social-Media-Gruß Richtung USA schickte.

Merz-Gruß: „Sind stolz auf euch“

„Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch“, schrieb der Regierungschef. Gerade das sind die allermeisten Fußball-Fans nicht mehr. 

Sportdirektor Völler entscheidet jetzt nicht nur über Nagelsmanns Zukunft, ganz sicher steht auch seine Position zur Disposition. Zu eng ist er mit seinem „Wunschtrainer“ verwoben. Beide haben einen Vertrag bis nach der EM 2028. 

Kommt die schnelle Trennung?

Es werden Krisensitzungen folgen. Womöglich auch eine schnelle Entscheidung. Nagelsmann weiß, dass er momentan keinen Rückhalt hat, der Kredit nach fast drei Jahren im Amt mit großen Ankündigungen und wenig Ertrag aufgebraucht ist. „Wenn man heute eine Umfrage macht, dann habe ich die nicht“, sagte er über die Unterstützung der Fans. 

Und das aus gutem Grund. Nagelsmann, der jüngste deutsche WM-Trainer, hat viele Fehler gemacht in den vergangenen Wochen. „Wenn du in der ersten K.-o.-Runde ausscheidest bei so einem großen Turnier mit 48 Mannschaften, ist das deutlich zu wenig für den deutschen Fußball“, räumte er ein.

Jürgen Klopp (M) will nicht über ein Engagement als Bundestrainer spekulieren. Tom Weller/dpa

Jürgen Klopp (M) will nicht über ein Engagement als Bundestrainer spekulieren. Tom Weller/dpa

© Tom Weller/dpa

Es war die Ironie des Abends, dass in Klopp die allseits als beste Nachfolgeoption titulierte Trainerfachkraft als Magenta-Experte Nagelsmanns WM-Leistung einordnen musste. „Ich verstehe, dass mein Name genannt wird. Aber es ist nicht der Moment. Es gibt dazu nichts zu sagen“, sagte der Kult-Coach. Klopp sagte eben nicht: Nein, danke, ich stehe nicht zur Verfügung.

Nagelsmann und Klopp in einem Punkt einig

Eine Generalabrechnung, die mahnte auch Klopp an. Darauf waren aber auch Nagelsmann und seine Spieler selbst gekommen. Denn die Mängelliste des deutschen Fußballs ist sehr lang. 

Zwei Wörter gehören unbedingt auf den Index, wenn es um die DFB-Elf geht. Qualität und Potenzial. Immer wieder wurden Mannschaft und einzelnen Spielern in den letzten Jahren diese Attribute zugeschrieben. Doch jetzt gibt es kein Herumreden mehr. Das wissen auch alle Beteiligten. „Es wäre vermessen, wenn wir nach dem dritten großen Turnier sagen, wir gehören noch zur Weltspitze, das tun wir einfach nicht“, sagte Nagelsmann. 

Eine Elfmeterparade war Manuel Neuers bester WM-Moment. Tom Weller/dpa

Eine Elfmeterparade war Manuel Neuers bester WM-Moment. Tom Weller/dpa

© Tom Weller/dpa

Seine Versäumnisse werden Teil der schon wieder notwendigen Fehler-Analyse sein. Sie sind vielfältig. Mit seinem Familienansatz setzte er auf Harmonie statt Leistungsprinzip. Konkurrenz um Stammplätze wurde künstlich abgeschafft. Als sportlicher Widerstand auf dem Platz gefragt war, kam keine Reaktion. 

Kimmich nicht ins Zentrum des Spiels zu platzieren, war eine fatale Fehlentscheidung. Und die Rückholaktion von Manuel Neuer sorgte für mehr Unruhe als Ertrag. Die lange DFB-Karriere des Rekordtorwarts endet nicht mit Glanz und Gloria. Der kurzen von Nagelsmann droht ein baldiges Ende.

Joshua Kimmich muss die nächste schwere Turnier-Enttäuschung verkraften. Federico Gambarini/dpa

Joshua Kimmich muss die nächste schwere Turnier-Enttäuschung verkraften. Federico Gambarini/dpa

© Federico Gambarini/dpa