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„Brechend voll“: Sachsens Tierheime sind am Limit

Die Tierheime in Sachsen sind an ihrer Kapazitätsgrenze angelangt. Experten fordern schärfere Gesetze von der Politik. Doch auch die Bevölkerung ist am Leid der Tiere nicht ganz unschuldig.

23.10.2026

Hunde aus dem Tierheim lassen sich nicht immer vermitteln. (Illustration)Sebastian Kahnert/dpa

Hunde aus dem Tierheim lassen sich nicht immer vermitteln. (Illustration)Sebastian Kahnert/dpa

© Sebastian Kahnert/dpa

Die Tierheime in Sachsen sind an ihrer Kapazitätsgrenze. Damit ist der Freistaat nicht allein. „Die Tierheime sind deutschlandweit brechend voll“, sagt Michael Sperlich, der Vorsitzende des Landestierschutzverbandes Sachsen und Leiter des Tierheims Leipzig. Gleichwohl habe der Freistaat ein Alleinstellungsmerkmal, das sich ungünstig auswirkt. Sachsen ist demnach das einzige Bundesland, das keine Katzenschutzverordnung hat. 

Eine solche Verordnung würde die Halter von Freigänger-Katzen verpflichten, ihre Tiere kastrieren, chippen und bei einem Haustierregister registrieren zu lassen. Das Problem der Tierheime liege derzeit bei den Jungkatzen, die alle als Fundtiere kämen, sagt Claudia Ruf vom Tierheim Vielauer Wald. Grund dafür sei, dass die Halter ihre Tiere nicht kastrieren lassen - „aus Ignoranz, aus Geiz oder aus Geldmangel, da die Tierarztkosten in den letzten Jahren exorbitant gestiegen sind“.

Der Kangal ist kein Hund für die Stadt

Insgesamt hat ihr Tierheim seit Jahresbeginn 300 Katzen aufgenommen; in Leipzig waren es zuletzt 50 je Monat. Immerhin bekomme man die Katzen im Gegensatz zu den Hunden besser vermittelt, sagt Sperlich. In Leipzig hat er etwa 35 Hunde, die als gefährlich eingestuft wurden oder noch in einem Gefährlichkeitsverfahren sind. Die Verantwortung sieht Sperlich bei den Haltern. „Die Leute überlegen nicht, wenn sie sich einen Hund anschaffen, mit welcher Intention diese Rasse mal gezüchtet wurde.“ 

Herdenschutzhunde wie der Kangal sind nichts für Anfänger. (Symbolfoto) Philipp Schulze/dpa

Herdenschutzhunde wie der Kangal sind nichts für Anfänger. (Symbolfoto) Philipp Schulze/dpa

© Philipp Schulze/dpa

Der türkische Kangal zum Beispiel sei ein Herdenschutzhund, der in der Großstadt nicht gut aufgehoben sei. Sperlich plädiert daher für eine bundesweite Liste, in der die Haltung von bestimmten Rassen reguliert wird. 

Den Begriff „Kampfhund“ für solche Hunde lehnen Sperlich und Ruf ab. Es gebe keine Studie, die den Zusammenhang zwischen Rasse und Gefährlichkeit nachweisen könne, sagt Ruf. Gesteigert aggressives Verhalten gebe es bei allen Rassen, bis hin zu Kleinsthunden. „Der Unterschied liegt maximal in der Schwere der Verletzungen, die sie verursachen können.“

Der Begriff Kampfhund sei historisch überholt

Zudem hat der Begriff „Kampfhund“ eine andere Bedeutung, wie Sperlich erläutert. Vor 2.000 Jahren seien Hunde in römischen Legionen zum Kampf gegen Menschen eingesetzt worden. Später, im 18. Jahrhundert, hätten die Menschen Hundekämpfe zur Belustigung der Bevölkerung veranstaltet und die Hunde auf andere Tiere gehetzt. Der Begriff „Kampfhund“ sei im heutigen Kontext missverständlich. 

Überhaupt sind es offenbar mehr die Besitzer, die Probleme bereiten. Ira Weißbach vom Tierheim Chemnitz berichtet, dass viele Leute große Hunde wie Schäferhunde oder Malinois weggeben wollen, „also Arbeitsrassen, die gar nicht in die Lebenssituation der Halter passen“. Zudem wollten einige Besitzer keine Abgabegebühr zahlen, „selbst wenn die Tiere noch nie einen Tierarzt gesehen haben“. Oft seien es Familien, aber auch Alleinerziehende und junge Leute, die die Tiere abgäben. „Es ist eigentlich jede Schicht dabei.“ 

Nicht jeder Schäferhund passt in die persönliche Lebenssituation der Halter. (Illustration)Stefan Puchner/dpa

Nicht jeder Schäferhund passt in die persönliche Lebenssituation der Halter. (Illustration)Stefan Puchner/dpa

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Sperlich vom Tierheim Leipzig berichtet zudem, dass man seit einigen Jahren mit den Tieren ukrainischer Flüchtlinge konfrontiert sei. Diese hätten viele kleinwüchsige Hunde, zum Beispiel Chihuahuas oder Nacktkatzen mitgebracht, die gesundheitlichen Problemen haben. Deren Behandlung könnten die Eigentümer nicht bezahlen.

Onlinehandel macht Tiere zum „Wanderpokal“

Dazu komme das schnelle Geschäft aus dem Internet, wodurch die Tiere zum „Wanderpokal“ würden, sagt Weißbach vom Tierheim Chemnitz. Eine weitere Gefahr sieht die Expertin im Welpenhandel. Ungeimpfte Tiere würden in Umlauf gebracht, dadurch steige die Tollwutgefahr. 

„Tollwut ist eine bei Hunden und Menschen nach Ausbruch stets tödlich verlaufende Erkrankung, die in den osteuropäischen Ländern noch weit verbreitet ist“, schreibt der Tierschutzverein Chemnitz in seinem Newsletter. Wie der Träger des Tierheims Chemnitz berichtet, verschärfen die Tiere aus dem Ausland die Sorge vor Krankheiten. Weißbach fordert, dass Importe eingeschränkt werden, „mehr Tierschutzkontrollen stattfinden und Tierhalteverbote konsequent umgesetzt und kontrolliert werden“.

Die Tierheime müssen sich derzeit um viele Katzen kümmern. (Illustration)Sina Schuldt/dpa

Die Tierheime müssen sich derzeit um viele Katzen kümmern. (Illustration)Sina Schuldt/dpa

© Sina Schuldt/dpa

Unkastrierte Katzen, überforderte Hundebesitzer, hohe Tierarztkosten und Welpenhandel: Wer mit Mitarbeitern aus Tierheimen spricht, hört häufig ähnliche Sätze. Dazu komme Ignoranz aus der Bevölkerung. Hunde würden oft wegen der Optik angeschafft, ohne Rücksicht auf Qualzuchtmerkmale, sagt Sperlich.

Tiere leiden, weil sie dem Menschen gefallen sollen

Der Bernhardiner zum Beispiel wurde früher als Rettungshund bei Lawinen eingesetzt. Heute wiegt er bis zu 90 Kilogramm, kommt auf eine Schulterhöhe von 90 Zentimetern und hat gesundheitliche Probleme, wie Sperlich erläutert. Kleinere Hunde wie der Mops oder die Französische oder Englische Bulldogge leiden wegen ihres kurzen Kopfes an Atemnot. „Betrachtet man die Schädelentwicklung dieser Rassen in den letzten 100 Jahren, wird deutlich, was wir den Tieren Furchtbares antun“, sagt Sperlich. Der Dackel wiederum kämpft wegen seiner ungleichen Körperproportionen mit Bandscheibenproblemen.

Die Savannah-Katze sieht majestätisch aus - doch auch ihre Zucht ist umstritten. (Illustration)Sven Hoppe/dpa

Die Savannah-Katze sieht majestätisch aus - doch auch ihre Zucht ist umstritten. (Illustration)Sven Hoppe/dpa

© Sven Hoppe/dpa

Bei den Katzen nennt Sperlich die Scottish Fold, deren Kippohren durch eine Knorpelmissbildung entstehen, die auf den Körper wirkt. Auch Kreuzungen von Haus- und Wildkatzen, wie Bengal, Savannah und Caracat, seien eine Qualzucht. Angesichts des Tierleids fordert Sperlich gesetzliche Verschärfungen. Das hätte Konsequenzen für beliebte Haustiere. Dackel oder Mops dürften dann in der jetzigen Form nicht mehr gezüchtet werden.