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Brandanschläge auf Bestellung: Bericht einer Chefermittlerin

Standardisierte Tatortaufnahmen und Fahndungen: Eine Polizeibeamtin schildert ihren Alltag im Kampf gegen „Violence as a Service“. Zu Hintermännern im Ausland äußert sich auch Hessens Innenminister.

18.10.2026

In Frankfurt und Offenbach ist es kürzlich zu Explosionen gekommen. Ermittler vermuten Gewalttaten gegen Bezahlung („Violence as a Service“). (Archivbild) Mike Seeboth/dpa

In Frankfurt und Offenbach ist es kürzlich zu Explosionen gekommen. Ermittler vermuten Gewalttaten gegen Bezahlung („Violence as a Service“). (Archivbild) Mike Seeboth/dpa

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Im Kampf gegen Gewalt auf Bestellung setzt Hessens Landeskriminalamt (LKA) auf mehr Ermittlungen zu den Hintermännern, um den Wachstumstrend umzudrehen - so wie bereits bei Attacken auf Geldautomaten. „Unser Ziel ist es, die Strukturen hinter „Violence as a Service“ (Gewalt als Dienstleistung) zu erhellen und zu zerschlagen, wie es schon bei den Sprengungen von Geldausgabeautomaten gelungen ist“, sagte die Chefermittlerin Uta Prenzel der Deutschen Presse-Agentur in Wiesbaden. 

Jene Form der Kriminalität ist in Hessen deutlich zurückgegangen - wohl wegen Ermittlungserfolgen sowie vorbeugenden Maßnahmen wie etwa Banknotenfärbe- und Vernebelungssystemen bei Geldautomaten.

Serie von Anschlägen im Rhein-Main-Gebiet

Mutmaßlich „Violence as a Service“ mit Lohnversprechen für im Ausland rekrutierte Täter sorgte hingegen erst jüngst mit Sprengstoff- und Brandanschlägen im Rhein-Main-Gebiet wieder für Schlagzeilen. Auch in Kassel gab es Brandattacken mit internationalen Bezügen - hier jedoch laut Polizei wohl eher nicht mit einer Rekrutierung unbekannter Straftäter.

Im September ist in Frankfurt auch die Eingangstür eines Mehrfamilienhauses bei einem Sprengstoffanschlag zerstört worden. (Archivbild)Mike Seeboth/dpa

Im September ist in Frankfurt auch die Eingangstür eines Mehrfamilienhauses bei einem Sprengstoffanschlag zerstört worden. (Archivbild)Mike Seeboth/dpa

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Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) sagte der dpa: „Hessen hat bei den Geldautomatensprengungen gezeigt, wie man Organisierte Kriminalität wirksam bekämpft“. Die Zahl der Sprengungen im Land sei von 61 im Jahr 2023 auf sechs im Jahr 2025 deutlich zurückgegangen. 2026 seien bisher ebenfalls sechs derartige Straftaten gezählt worden - allerdings in drei Fällen nur als Versuch und dreimal als Sprengung ohne Beute. 

„Dieser Erfolg ist das Ergebnis einer klaren Strategie, die auch bei der Bekämpfung von „Violence as a Service“ hilft“, fügte Poseck hinzu. Diese Kriminalität richte sich meist „gezielt gegen Personen aus dem Umfeld der Organisierten Kriminalität selbst. Es geht nicht darum, die Bevölkerung ins Visier zu nehmen“. Dennoch blieben diese Straftaten etwa mit gezündeten Sprengsätzen gefährlich: „Die Täter nehmen in Kauf, dass Unbeteiligte zu Schaden kommen“. 

Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) warnt davor, dass bei Anschlägen im Rahmen von Kriminalität auf Bestellung auch Unbeteiligte verletzt werden könnten. (Archivbild) Boris Roessler/dpa

Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) warnt davor, dass bei Anschlägen im Rahmen von Kriminalität auf Bestellung auch Unbeteiligte verletzt werden könnten. (Archivbild) Boris Roessler/dpa

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Eine eigene Taskforce zu „Violence as a Service“ im LKA bilde eine schlagkräftige Struktur, „die operative, analytische und präventive Kompetenzen bündele. Wir bleiben nicht bei den Tätern am unteren Ende der Kette stehen, sondern nehmen gezielt Auftraggeber, Rekrutierer und Logistiker ins Visier, denn dort liegt die eigentliche Bedrohung“, erläuterte Poseck.

Chefermittlerin Prenzel zeigte sich überzeugt, „dass wir noch eine Zeit lang mit diesem Phänomen zu tun haben werden“. Seit 2024 nehme das LKA „Violence as a Service“ gezielt in den Blick - derzeit mit „Prüffällen im mittleren zweistelligen Bereich“. Sehr wahrscheinlich sei es in Hessen schon um 2021 zu Einzelfällen mit beauftragten Gewalttaten gekommen, ergänzte die stellvertretende LKA-Abteilungsleiterin für Schwere und Organisierte Kriminalität.

Beim hessischen Landeskriminalamt gibt es eine eigene Taskforce für „Violence as a Service“. (Symbolbild)Boris Roessler/dpa

Beim hessischen Landeskriminalamt gibt es eine eigene Taskforce für „Violence as a Service“. (Symbolbild)Boris Roessler/dpa

© Boris Roessler/dpa

Prenzel, seit 28 Jahren bei der Polizei, erläuterte weiter: „Tatortaufnahmen, Fahndungen und die gesamte Ermittlungsarbeit haben wir in Hessen standardisiert. Über unsere Taskforce „Violence as a Service“ haben wir landesweit einheitliche Strukturen geschaffen.“ Somit ließen sich leichter Querverbindungen zu anderen Straftaten aufdecken, auch europaweit. „Die besondere Herausforderung ist, viele Daten übereinanderzulegen, sodass wir die Strukturen erkennen“, sagte die Polizeibeamtin. 

Überaus hilfreich sei zudem die Polizei-Software „Hessendata“: Sie ermögliche es, „Daten zu analysieren, Informationen zielführend zu einem Bild zusammenzulegen, Gefahren schnell einzuschätzen, abzuwenden, Strukturen aufzuklären sowie Hintermänner festzunehmen“.

Auch die Polizeisoftware „Hessendata“ des US-Konzerns Palantir wird im Kampf gegen Kriminalität auf Bestellung eingesetzt. (Symbolbild)Gian Ehrenzeller/KEYSTONE/dpa

Auch die Polizeisoftware „Hessendata“ des US-Konzerns Palantir wird im Kampf gegen Kriminalität auf Bestellung eingesetzt. (Symbolbild)Gian Ehrenzeller/KEYSTONE/dpa

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Die Software des US-Konzerns Palantir kann in Sekundenschnelle riesige Datenbestände durchkämmen. Sie ist allerdings mit ihren Dateiverknüpfungen und den Firmengründern Peter Thiel und Alex Karp umstritten. Kritiker stufen beide als weit rechts ein. Zahlreiche Bundesländer verzichten bewusst auf Palantir. Auch Hessen zeigt sich längerfristig offen für eine europäische Lösung bei vergleichbaren Fähigkeiten, die laut Experten jedoch nicht in Sicht ist.

Zurück zu „Violence as a Service“: Die häufig jungen Täter werden oft über Messengerdienste und Gaming-Plattformen in den Niederlanden und anderen Ländern für nicht sehr viel Geld für eine „Mission“ angeworben. „Sie kennen ihre Auftraggeber nicht, sie wissen nicht genau, was sie erwartet“, erklärte Prenzel. „Sie handeln oft aus Geltungssucht in ihrem Umfeld oder um sich luxuriöse Dinge leisten zu können.“ 

Bei Organisierter Kriminalität setzt die Polizei auch immer wieder auf Fahndungen per Helikopter. (Symbolbild)Boris Roessler/dpa

Bei Organisierter Kriminalität setzt die Polizei auch immer wieder auf Fahndungen per Helikopter. (Symbolbild)Boris Roessler/dpa

© Boris Roessler/dpa

Nicht wenige würden auch nicht digital, sondern direkt von Bekannten angesprochen, wenn sie für Straftaten geeignet erschienen, ergänzte die LKA-Beamtin. „Es kann auch nicht nur um Sprengstoff- und Brandanschläge, sondern ebenso um Schusswaffengebrauch gehen“, sagte Prenzel.

Die möglichen Motive der Auftraggeber der Organisierten Kriminalität seien vielfältig. Sie reichten etwa von Einschüchterungen von Konkurrenten im Drogenhandel oder möglichen Zeugen in Gerichtsprozessen über Schutzgelderpressung bis hin zu Rache. 

Beauftragte Straftaten ohne Lohn

„Die Täter bekommen gar nicht immer ihren versprochenen Lohn, zum Beispiel wenn etwas schiefläuft“, erläuterte die Ermittlerin. „Sie müssen meist ihre Tatausführung mit der Handykamera dokumentieren.“ Die von ihnen unbekannten Fahrern zum Tatort gebrachten unerfahrenen Täter hätten oft keine Ortskenntnisse, „sondern nur eine Adresse oder Koordinaten des Zielobjekts“. Ungeplante Sachbeschädigungen oder Verletzungen von Menschen seien somit nicht ausgeschlossen.