Boote statt Bagger: Europas größte künstliche Seenlandschaft
Fünf Seen, zwei Länder und ein Ziel: Mit der Lausitzer Seenkette geht ein Riesenprojekt der Bergbausanierung zu Ende, auf das Brandenburg und Sachsen setzen. Was ist das Besondere daran?
Die beiden Regierungschefs von Brandenburg und Sachsen, Dietmar Woidke (SPD) und Michael Kretschmer (CDU), eröffnen den Lausitzer Seenverbund.Patrick Pleul/dpa
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Wo jahrzehntelang Glückauf gerufen wurde, heißt es im Lausitzer Seenland jetzt: Ahoi. Europas größter künstlich geschaffener Seenverbund ist eröffnet – in Brandenburg und in Sachsen zugleich. Damit geht ein Großprojekt der Bergbausanierung vorläufig zu Ende. Die Seen, die aus gefluteten früheren Tagebaulöchern entstanden, sollen den Tourismus ankurbeln.
Erstmals durchgehend befahrbar
Die Ministerpräsidenten von Brandenburg und Sachsen, Dietmar Woidke (SPD) und Michael Kretschmer (CDU), gaben den Verbund in Neu-Seeland am Sedlitzer See in Brandenburg frei. Damit sind der Senftenberger See, der Geierswalder See, der Partwitzer See, der Sedlitzer See und der Großräschener See erstmals über schiffbare Kanäle zu einem Verbund verschmolzen. Bisher gab es zwei befahrbare Wasserstraßen, nun öffneten noch der Sornoer Kanal, der Rosendorfer Kanal und der Ilse-Kanal.
Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) sprach von einem „historischen Meilenstein“. Die zusammenhängende Wasserfläche beträgt zwischen 5.100 und 5.300 Hektar – fast so groß wie der Starnberger See in Bayern und etwa halb so groß wie die Müritz in Mecklenburg-Vorpommern.
Ministerpräsidenten zeigen sich stolz über die Seen
Die beiden Regierungschefs fuhren vorher getrennt per Polizeiboot durch zwei neue Kanäle zum Festakt, Sonne und Regen wechselten sich ab. Brandenburgs Ministerpräsident Woidke sprach beim Festakt von einer Erfolgsgeschichte. „Wir haben hier auch jetzt gezeigt, wie stark Deutschland ist, wenn alle sich auf ein Ziel konzentrieren“, sagte Woidke. „Ich bin heute unglaublich dankbar – auch wenn ich damals das Ganze für eine Schnapsidee gehalten habe – dass Menschen die Kraft hatten, schon damals Visionen zu entwickeln.“
Sachsens Regierungschef würdigte die Leistungen der Umwandlung früherer Bergbauflächen. „Fast eine Milliarde Euro über 35 Jahre kontinuierliches Arbeiten“, sagte Kretschmer. Rund 941 Millionen Euro flossen seit Anfang der 1990er Jahre vom Bund und den beiden Ländern zur Sanierung. „Wir müssen dafür sorgen, dass auch in der Zukunft in Deutschland die Weichen so gestellt werden, dass wirtschaftliches Handeln (...) sich auch auszahlt, dann wird es auch hier weitergehen“, sagte er.
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) fährt auf einem Polizeiboot zum Festakt der Eröffnung des Lausitzer Seenverbunds.Patrick Pleul/dpa
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Die Sanierung bietet der Region nach Ansicht der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), neue Möglichkeiten. „Durch diese Kooperationen sind neue Perspektiven für Tourismus, Wirtschaft, Natur und Klimaschutz entstanden. Und das steigert auch Lebensqualität für die Menschen vor Ort“, sagte Kaiser. Der Verbund unterstreicht für sie „das enorme Potenzial Ostdeutschlands“. Nach dem Festakt war am Nachmittag noch gemeinsames Baden bei der „5-Seen-Challenge“ geplant.
Jahrzehntelange Geschichte der Sanierung
Die fünf verbundenen Seen sind über Jahrzehnte gewachsen. Der Bergbau prägte die Region über 150 Jahre. Bergleute holten nach Angaben des Tourismusverbands Lausitzer Seenland mehr als zwei Milliarden Tonnen Braunkohle aus 60 Metern und tiefer. Riesige Restlöcher blieben vom Tagebau zurück.
Den Grundstein für das Seenland legte der Senftenberger See, der 1967 geflutet und 1973 eröffnet wurde. Der erste Strandabschnitt im heutigen Ortsteil Großkoschen war seitdem Ziel von Badetouristen. Nach der Wiedervereinigung ging es weiter. Der Sanierungsplan des Braunkohlenausschusses von 1993 stellte die Weichen für die touristische Folgenutzung der stillgelegten Tagebaue in der Lausitz.
Von der Mondlandschaft zum Wasserparadies
„Das ist für jeden LMBV-Mitarbeiter ein bedeutsamer Tag“, sagte der frühere Geschäftsführer Klaus Zschiedrich der Deutschen Presse-Agentur. „Wir haben ja in den frühen 1990er Jahren versucht, die Bergbau-Sanierungspläne zu erarbeiten.“ Die Nutzungskonzepte seien unter dem Wagnis erarbeitet worden, ob das Ganze finanzierbar sei. Der Erfolg sei nun sichtbar mit der touristischen Nutzung für eine große Region. „Aber nicht nur touristisch, sondern auch für die Bevölkerung hier in dieser Region ist das sehr bedeutsam.“
Brandenburgs Regierungschef Woidke selbst war am Rande des Tagebaus in Jänschwalde in der Lausitz groß geworden. „Für mich persönlich ist es ´was ganz Besonderes“, sagte er über das Seenland. „Ich kenne die berühmten Mondlandschaften.“ Und über die Idee der Tourismuslandschaft: „Ich konnte mir das nicht wirklich vorstellen.“ Bevor er an Bord des Polizeiboots stieg, machte er deutlich: „Es ist was Wunderbares entstanden.“
Das Mammutprojekt ist nicht zu Ende. Es gibt östlich weitere Seen, die perspektivisch saniert und an den Seenverbund angeschlossen werden sollen. Einige Seen liegen nach einer Rutschung teils im Sperrgebiet. Eine touristische Nutzung wird nach Einschätzung der LMBV nicht vor Mitte der 2040er Jahre möglich.