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„Blutspuren“ - Ein Buch für Leser mit starken Nerven

Grausame Morde und die Bitte, bei der Suche nach dem Mörder zu helfen: Das von Rechtsmediziner Klaus Püschel herausgegeben Buch „Blutspuren“ fasziniert den Leser - verlangt ihm aber auch einiges ab.

07.11.2026

Rechtsmediziner Klaus Püschel steht im Rahmen seines Programms „Rechtsmedizin hautnah - True Crime in Braunschweig“ auf der Bühne.Moritz Frankenberg/dpa

Rechtsmediziner Klaus Püschel steht im Rahmen seines Programms „Rechtsmedizin hautnah - True Crime in Braunschweig“ auf der Bühne.Moritz Frankenberg/dpa

© Moritz Frankenberg/dpa

Leser des neuen Buches „Blutspuren“ brauchen starke Nerven. Der ehemalige Leiter des Hamburger Instituts für Rechtsmedizin, Klaus Püschel, hat bereits zahlreiche „True Crime“-Geschichten veröffentlicht, in denen er Einblicke in seine jahrzehntelange Tätigkeit gibt. Nun treibt der 74-Jährige den Nervenkitzel noch etwas weiter: Der Leser soll sich an der Aufklärung ungelöster Mordfälle beteiligen - und dabei auch sehr gruselige Details zur Kenntnis nehmen. 

Püschel ist Mitherausgeber des Buches und Autor mehrerer Kapitel. Unter den übrigen zehn Autoren sind die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen, der Strafrichter Stefan Caspari oder der ehemalige Hamburger LKA-Chef Reinhard Chedor. Herausgeber ist der Magdeburger „True-Crime-Talker“ Tino Grosche. Zu dem Buch gibt es eine Veranstaltungsreihe.

Die Fälle, die Caspari, der Kriminalist Michael Ulrich oder die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh schildern, sind bedrückend. Es geht um grausame Morde an einem Autofahrer, einem kleinen Mädchen und an einer dreiköpfigen Familie auf einem Segeltörn. Die Tatorte liegen in der Nähe von Coswig und bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt sowie in Italien. Die Mörder werden nach zum Teil viele Jahre dauernden Ermittlungen gefasst. Das Ausmaß ihrer Kaltblütigkeit macht den Leser fassungslos. 

„Treten Sie an den Seziertisch“

Wie in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY... Ungelöst“ stellen Püschel, Chedor und Grosche die bisherigen Erkenntnisse zu einer Reihe von ungelösten Mordfällen vor und beziehen ihr Publikum mit ein: „Unsere Zuhörerinnen und Leser werden Teil der Suche.“ Die Autoren zeigen Bilder von echten Blutspuren, auch im Anhang des Buches. Grosche fordert die Leser auf: „Schlagen Sie mit uns die Seiten um. Treten Sie an den Seziertisch.“ Doch daneben steht eine Trigger-Warnung - auf Wunsch des Verlages Ellert & Richter, wie Grosche sagt. Auf dem roten Warnschild heißt es: „Einige der folgenden Bilder können schockieren und Gefühle verletzten!“ 

Die Autoren waren beruflich mit der Aufklärung der geschilderten Verbrechen befasst. Von Emotionen dürfen sie sich nicht leiten lassen. Aber das Leid der Opfer lässt die Verfolgung der Täter zu einer Mission werden. Nach einer stundenlangen Obduktion eines missbrauchten und ermordeten Kindes beschreibt Spurenexperte Ulrich die Gefühle der beteiligen Beamten so: „Auf der Rückfahrt im Polizeiwagen spricht niemand ein einziges Wort. Jeder blickt starr aus dem Fenster. Doch in jedem von uns brennt derselbe Entschluss: Wir müssen diesen Täter finden.“

Der Göhrde-Mörder

Auch Püschel, der inzwischen eine Professur an der Medical School Hamburg hat, lassen seine alten Fälle nicht in Ruhe. Eine Mordserie bewegt ihn ganz besonders. Es geht um die Taten des sogenannten Göhrde-Mörders. Der aus Lüneburg stammende Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann - Püschel nennt ihn „KWW“ - soll im Sommer 1989 zwei Paare im Waldgebiet Göhrde und eine weitere Frau an einem anderen Tatort ermordet haben. Wichmann nahm sich 1993 in der Untersuchungshaft im Alter von 43 Jahren das Leben. 

Die Ermittlungen kamen lange Zeit nicht voran. Dann stellte der Bruder der zunächst nur vermissten Frau, der ehemalige stellvertretende Hamburger Polizeipräsident Werner Sielaff, eigene Untersuchungen an, gemeinsam mit einem kleinen Team. Nach einem Hinweis wurden im Herbst 2017 unter einer Garage auf dem ehemaligen Grundstück Wichmanns die Überreste von Sielaffs Schwester Birgit Meier gefunden. 

Nach dem Verschwinden eines Ehepaars durchsuchte die Polizei im Sommer 1989 ein Waldgebiet in der Göhrde. (Archivbild) Michael Behns/dpa

Nach dem Verschwinden eines Ehepaars durchsuchte die Polizei im Sommer 1989 ein Waldgebiet in der Göhrde. (Archivbild) Michael Behns/dpa

© Michael Behns/dpa

Hinweise auf weitere Taten im Raum Schwerin

Püschel ist überzeugt, dass Wichmann weitere Morde begangen hat, auch im Raum Schwerin. Schon vor der Grenzöffnung habe er sein Unwesen in der DDR getrieben. Der Rechtsmediziner berichtet, dass er nach True-Crime-Veranstaltungen in Mecklenburg-Vorpommern neue Hinweise bekommen habe. Die Fälle von vier jungen Frauen, die zwischen 1989 und 1991 ermordet wurden, seien an ihn herangetragen worden. Auch eine besonders wichtige Zeugin meldete sich. Püschel ist überzeugt, dass sie 1991 von Wichmann vergewaltigt wurde, dem Serienkiller aber entkam. Sie habe ihn auf einer polizeilichen Wahllichtbildvorlage erkannt.

Püschel und seine Mitstreiter nehmen für sich in Anspruch, es besser zu können als die offiziellen Ermittler: „Wir kennen die Skepsis von Staatsanwaltschaften und Polizeidienststellen gegenüber privaten Recherchen. Doch die Mauern des Schweigens, Angst vor der Offenlegung früherer Ermittlungsfehler oder bürokratische Bequemlichkeit dürfen nicht länger zwischen den Opfern und der Wahrheit stehen.“ Doch wie die Detektive in einem guten Krimi übermitteln sie ihre Ergebnisse kontinuierlich an die zuständigen Polizeidienststellen und Staatsanwaltschaften.

Die von der Polizei öffentlich gezeigten Beweisstücke zum sogenannten Göhrde-Mörder sehen nicht nach Blutspuren aus. (Archivbilder)Philipp Schulze/dpa

Die von der Polizei öffentlich gezeigten Beweisstücke zum sogenannten Göhrde-Mörder sehen nicht nach Blutspuren aus. (Archivbilder)Philipp Schulze/dpa

© Philipp Schulze/dpa

Ermittlungen gegen lebenden Beschuldigten

Die Polizeidirektion Lüneburg ermittelt im Zusammenhang mit der Mordserie vor über 35 Jahren gegen einen lebenden Beschuldigten. Zurzeit warteten die Ermittler auf die Ergebnisse neuer Untersuchungen, sagt Pressesprecher Laurits Penske. Geprüft werden auch mögliche Verbindungen zu weiteren Taten des Friedhofsgärtners.

Püschel und Co. wollen auch künftig keine Ruhe geben. „Wir bleiben an der Fährte, in den Archiven, im Seziersaal, im Labor und auf den Live-Bühnen der „Blutspuren“-Tour“, schreiben sie am Ende ihres Buches. Weitere Veranstaltungen bis Ende nächsten Jahres sind angekündigt. Zu seinem 50. Berufsjubiläum wird Püschel am 18. November im schleswig-holsteinischen Heide von seinen spektakulärsten Fällen berichten.