Berlin und Brandenburg pro Krankschreibung per Telefon
Der Kanzler meint, der Krankenstand in Deutschland sei zu hoch. Ein Grund könnte aus seiner Sicht die telefonische Krankschreibung sein. In Berlin und Brandenburg gibt es hingegen Zuspruch.
„Die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, löst kein Problem“, sagt die Gesundheitssenatorin. (Archivbild)Michael Ukas/dpa
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Sollte die Möglichkeit zu Krankschreibungen per Telefon enden? In Berlin und Brandenburg hält man das für falsch. „Die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, löst kein Problem. Sie hat sich in den Praxen bewährt, entlastet die Mitarbeitenden und hilft den erkrankten Menschen“, sagte Berlins Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Auch Brandenburgs Gesundheitsministerin Britta Müller (parteilos) verteidigt die Krankschreibung am Telefon. Nach Kritik von Kanzler Friedrich Merz (CDU) am hohen Krankenstand wird über strengere Regeln diskutiert.
„Wir sollten hier nicht von Missbrauch und Misstrauen sprechen, sondern uns vielmehr Gedanken darüber machen, wie wir besser und gesünder leben und arbeiten können“, sagte Czyborra. Vor allem zunehmende Belastungen bei der Arbeit führten zu mehr Erkrankungen der Psyche und des Bewegungsapparats.
Merz hatte davon gesprochen, dass Beschäftigte im Schnitt auf 14,5 Krankentage kämen und den aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand beklagt. Zudem hatte er die Möglichkeit infrage gestellt, auch telefonisch und ohne Praxisbesuch eine Krankschreibung zu bekommen. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kündigte an, die Regelung zu überprüfen.
Amtskollegin verteidigt die Möglichkeit
Seit Ende 2023 können Patientinnen und Patienten auch telefonisch und ohne Praxisbesuch eine Arbeitsunfähigkeit feststellen lassen - unter der Bedingung, dass man in der Praxis bekannt ist und keine schweren Krankheitssymptome hat.
Auch Brandenburgs Gesundheitsministerin Müller verteidigte die Krankschreibung am Telefon. „Sie ermöglicht eine ärztliche Einschätzung ohne unnötige Wege und entlastet die Arztpraxen insbesondere in Zeiten hoher Infektionszahlen“, sagte die frühere BSW-Politikerin der „Märkischen Allgemeinen“.
„Wir haben heute deutlich mehr ältere Beschäftigte, und wir sehen zugleich veränderte Krankheitsbilder“, sagte sie. „Insbesondere psychische Erkrankungen nehmen zu und führen häufig zu erheblich längeren Arbeitsausfällen als andere Erkrankungen.“
Britta Müller setzt sich für die Krankschreibung am Telefon ein. (Archivbild)Fabian Sommer/dpa
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Die Brandenburger Gesundheitsministerin sah keine automatische Gefahr eines Missbrauchs. „Entscheidend ist, dass die Patientinnen und Patienten dem behandelnden Arzt bekannt sind“, sagte Müller. „Ob ein persönlicher Arztkontakt erforderlich ist, entscheidet letztlich stets die Ärztin oder der Arzt.“
Wie sehen die Zahlen in Berlin und Brandenburg aus?
In Berlin waren bei der Krankenkasse DAK-Gesundheit im vergangenen Jahr Beschäftigte im Schnitt 19 Tage krankgeschrieben - damit lag die Zahl leicht unter dem DAK-Bundesschnitt von 19,5 Kalendertagen. In Brandenburg waren es durchschnittlich 22,9 Tage. Die meisten Fehltage gingen in beiden Bundesländern demnach auf das Konto von Atemwegs- und psychischen Erkrankungen sowie Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems. Bei der DAK sind rund 260.000 Menschen in Berlin sowie rund 250.000 in Brandenburg versichert.
Die Zahl der Krankschreibungen war bei der Techniker Krankenkasse (TK) geringer. Jedoch liegen der TK bislang nicht die Zahlen für das Gesamtjahr vor. So waren TK-Versicherte demnach im vergangenen Jahr von Januar bis November im Schnitt 16,7 Tage krankgeschrieben - in Brandenburg waren es im gleichen Zeitraum durchschnittlich 20,1 Tage. Den Angaben nach sind in Berlin mehr als eine Million Menschen und in Brandenburg 381.000 Menschen bei der TK versichert. Als Hauptursachen wurden die gleichen Erkrankungen wie bei der DAK genannt.
Wichtige Möglichkeit für Menschen mit Behinderung
Der Berliner Landesbeirat für Menschen mit Behinderung mahnte an, die Perspektive chronisch kranker und behinderter Menschen zu berücksichtigen. Für viele Betroffene sind die telefonische Krankschreibung oft die einzige Möglichkeit, sich schnell und ohne zusätzliche Belastung arbeitsunfähig zu melden, wie der Landesbeirat erklärte.
„In der politischen Debatte werden chronisch kranke und behinderte Menschen schlicht vergessen“, beklagte der Vorsitzende Thomas Seerig. „Wer die telefonische Krankschreibung streicht, verschlechtert den Alltag von Menschen, die arbeiten wollen, aber nicht immer können.“
Die telefonische Krankschreibung sei kein Luxus, sagt der Landesbeirat für Menschen mit Behinderung. (Symbolbild)Hannes P Albert/dpa
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Viele behinderte und chronisch kranke Beschäftigte, insbesondere mit psychischen Erkrankungen, erlebten kurze Krankheitsschübe. Ein persönlicher Besuch bei einem Arzt sei in solchen Situationen oft schwer zu bewältigen, betonte der Landesbeirat. Das Gremium berät den Berliner Senat in Fragen der Behindertenpolitik. „Die telefonische Krankschreibung ist kein Luxus, sondern eine kleine, aber wichtige Erleichterung“, hieß es in der Mitteilung.