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Attentäter, V-Mann, LKA: die Serie „Breitscheidplatz 19/12“

Der islamistische Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt zog Ermittlungen, Untersuchungsausschüsse und Berichte nach sich. Eine ARD-Serie nimmt das Thema auf - mit Fakten und Fiktionen.

27.10.2026

Kurz vor dem Anschlag: Mo (Ali Reza) und Lina (Maria Matschke Engel) schlendern in einer Szene der sechsteiligen Serie „Breitscheidplatz 19/12“ über den Breitscheidplatz. (Handout)Petro Domenigg/ARD Degeto/dpa

Kurz vor dem Anschlag: Mo (Ali Reza) und Lina (Maria Matschke Engel) schlendern in einer Szene der sechsteiligen Serie „Breitscheidplatz 19/12“ über den Breitscheidplatz. (Handout)Petro Domenigg/ARD Degeto/dpa

© Petro Domenigg/ARD Degeto/dpa

19. Dezember 2016, gegen 20.00 Uhr. Nahe dem Ku’damm in der Berliner City-West rollt ein schwerer Lastwagen zügig in Richtung Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche. Ohne zu bremsen, fährt der Lkw in die Gasse zwischen den Buden, überrollt Menschen, schleudert andere beiseite. Nach 70 oder 80 Metern stoppt das automatische Bremssystem den Laster. Hinter ihm liegt ein Trümmerfeld voller Toter und Schwerverletzter. 

Zu dem Fahrer des Lkw, dem islamistischen Terroristen Anis Amri aus Tunesien, hatte es schon 2015 konkrete Hinweise an das Landeskriminalamt (LKA) in Nordrhein-Westfalen gegeben. Sie kamen von einem Informanten in der islamistischen Szene. 

Hier setzt die fiktionale Thrillerserie „Breitscheidplatz 19/12“ ein, die die ARD zehn Jahre nach dem Anschlag zeigt (ab 30. Oktober in der Mediathek, am 1. und 6.11. im Fernsehen). Ihre Premiere feierte sie beim Filmfest Toronto Mitte September.

Es geht um radikale Hassprediger

In sechs Teilen à 45 Minuten schildert „Breitscheidplatz 19/12“ die Vorgeschichte des Anschlags auf dem gleichnamigen Platz an der Gedächtniskirche. Im Mittelpunkt stehen radikale Hassprediger in NRW, nervenaufreibende Ermittlungen der LKA-Fahnder und der V-Mann Murat Cem. Attentäter Amri selbst ist kaum zu fassen. Er taucht kurz auf, verschwindet wieder, wird erneut gesehen und nähert sich dann Berlin. 

Einige Darsteller, Mitwirkende und der Regisseur David Nawrath (3. von links) der ARD-Serie „Breitscheidplatz 19/12“ beim Filmfest Toronto. Der internationale Titel der Serie lautet „Blindspot Berlin“. (Archivbild)Manuela Imre/dpa

Einige Darsteller, Mitwirkende und der Regisseur David Nawrath (3. von links) der ARD-Serie „Breitscheidplatz 19/12“ beim Filmfest Toronto. Der internationale Titel der Serie lautet „Blindspot Berlin“. (Archivbild)Manuela Imre/dpa

© Manuela Imre/dpa

Regisseur und Autor David Nawrath konzentriert sich stattdessen auf seine Hauptfiguren in NRW: den leitenden LKA-Ermittler Frank Laudin (Albrecht Schuch) im Staatsschutz, zuständig für politische Extremisten; die junge Polizistin Isra (Bayan Layla), deren Familie aus dem Irak stammt und von den IS-Terroristen verfolgt wurde; den Undercover-Informanten Cem (Tamer Trasoglu), der nach 2016 durch zahlreiche Berichte und Untersuchungsausschüsse bekannt wurde als VP01 (Vertrauensperson).

Was ging schief zwischen den LKA und dem BKA?

Über allem steht die Frage: Was ist schiefgegangen im Zusammenspiel zwischen den Landeskriminalämtern NRW und Berlin und dem Bundeskriminalamt (BKA), das am schlechtesten wegkommt? Amri war als islamistischer Gefährder bekannt. Im Laufe der Monate wurde er aber öfter falsch eingeschätzt und geriet in Berlin aus dem Blick.

Spannung erzeugt die Serie weniger über den bekannten Ausgang der Story. Intensität entsteht durch präzise gezeichnete Figuren und ihre Konflikte. Etwa Laudin als Chef der Fahndungstruppe, der mit seiner schroffen Art Kollegen und Familie vor den Kopf stößt, bevor er am Schluss selbst einen Verrat begeht. 

„Wir wollten eine Ermittlerfigur erzählen, die man so noch nicht gesehen hat. Die sich nicht anbiedert und nicht gemocht werden will“, sagt Regisseur Nawrath der dpa. „Wir wollten uns einfach so weit wie möglich wegbewegen von den üblichen Krimis. Bei dieser Figur wollten wir auch zeigen, was es macht, wenn jemand ständig mit der Schattenseite der Realität konfrontiert ist.“

Figuren, die man im deutschen Fernsehen bislang noch nie hatte

Dazu stößt die junge Polizistin Isra, die die Islamisten hasst, weil sie ihren Vater zum Opfer machten. Und die als Figur deutlich macht, dass viele Opfer islamistischen Terrors selbst Muslime sind. 

Der türkischstämmige V-Mann Cem ist neben Attentäter Amri die einzige reale Person der Serie. VP01 alias Cem gilt bis heute als einer der erfolgreichsten Informanten für die deutsche Polizei. Er half, in NRW Drogenbanden zu sprengen und Mörder und Gewaltverbrecher aus der organisierten Kriminalität zu fassen. Cem lieferte entscheidende Hinweise zu Islamistenkreisen und Amri und kam danach mit neuer Identität in ein Zeugenschutzprogramm. Er ist die tragische Figur in „Breitscheidplatz 19/12“. 

Die ARD-Serie „Breitscheidplatz 19/12“ beschreibt tatsächliche und mögliche Hintergründe des Geschehens. (Archivbild)Bernd von Jutrczenka/dpa

Die ARD-Serie „Breitscheidplatz 19/12“ beschreibt tatsächliche und mögliche Hintergründe des Geschehens. (Archivbild)Bernd von Jutrczenka/dpa

© Bernd von Jutrczenka/dpa

Beklemmende Szenen ergeben sich durch die Enge in Kellern der Hinterhof-Moscheen, Büros im LKA, Neubauwohnungen und Autos voller Männer. „Wir wollten auch bei der Gestaltung der Räume realistisch sein“, sagt Nawrath. „Echte Kommissariate sehen nicht so aus wie sonst im Fernsehen. Man hat da nicht lauter Durchblicke und offene, große Räume.“ Das Team habe sich für fensterlose Räume entschieden. „Weil wir dieses Gefühl verstärken wollten, dass sie arbeiten wie in einem U-Boot. Der einzige Kontakt, den sie zu den Zielpersonen haben, ist durch digitale Kommunikation.“

Das Dilemma des Rechtsstaats 

Die Serie kommt ohne Actionszenen aus. „Ich finde, Dramatik generiert sich fast immer aus einem Realismus heraus“, erklärt Nawrath. „Das oberste Credo für uns war, diese Geschichte so realistisch, so pur und roh wie möglich zu erzählen, frei von Eitelkeiten. Wir wollten einen ungeschönten Blick suggerieren in eine Welt, die man so nicht sieht und nicht kennt aus dem Fernsehen.“

Irritierend bei „Breitscheidplatz 19/12“ ist das Ende. Vermischt werden reale Erkenntnisse mit Spekulationen, suggeriert wird so eine Verschwörung. Tatsächlich stellten in den Jahren nach dem Anschlag einige Medien Vermutungen in diese Richtung an. Von Experten wurde das als wenig plausibel eingeordnet. Regisseur Nawrath sagt, Hypothesen zu Geheimdiensten habe man nicht außen vor lassen wollen.

Für ihn, so Nawrath, habe die Beschäftigung mit dem Stoff exemplarisch das ganze Dilemma des Rechtsstaats gezeigt. Einerseits sei das Ziel möglichst großer Freiheit. „Gleichzeitig hat der Rechtsstaat es mit Gegnern zu tun, die es unglaublich schwierig machen, sie dingfest zu machen.“ Daher setze man auf Überwachung und V-Leute. Und trotzdem stehe fest: „Eine absolute Sicherheit gibt es nicht.“