Angst um Audi: Neckarsulm kämpft um sein Werk
Vor der Betriebsversammlung mit dem VW-Chef sorgt die drohende Schließung des Audi-Werks für Zukunftsängste. Verliert die Region mit dem Werk ihre wirtschaftliche Zukunft und industrielle Identität?
Im Audi-Werk in Neckarsulm arbeiten mehr als 15.000 Menschen. (Archivbild)Bernd Weißbrod/dpa
© Bernd Weißbrod/dpa
Ein Arbeitsplatz bei Audi ist für viele Menschen in Neckarsulm einst eine Entscheidung fürs Leben gewesen. Heute ist diese Gewissheit verschwunden. Vor allem die jungen Menschen und ihre Eltern seien es, die sich mit ihren Sorgen an ihn wendeten, erzählt Neckarsulms Oberbürgermeister Steffen Hertwig. Seit dem Audi-Werk mit über 15.000 Mitarbeitern die Schließung droht, seien die Zukunftsängste in der Stadt deutlich zu spüren.
Noch vor drei Jahren hätten viele Arbeitgeber in der Gegend nach jungen qualifizierten Köpfen gesucht. „Und jetzt? Jetzt haben die Nachwuchsingenieure gar keine Chance mehr, in diesen Arbeitsmarkt hineinzukommen. Das ist natürlich beängstigend“, sagt SPD-Mann Hertwig.
Vor allem junge Menschen und ihre Eltern wendeten sich mit ihren Sorgen an ihn, sagt Neckarsulms Oberbürgermeister Steffen Hertwig. (Archivbild)Bernd Weißbrod/dpa
© Bernd Weißbrod/dpa
Auslöser der Sorgen ist die Krise im VW-Konzern – zu dem auch Audi gehört – und dessen Sparbeschlüsse von Anfang September: Weitere 50.000 Stellen sollen wegfallen, die Werke in Neckarsulm, Emden, Zwickau und Hannover stehen wegen der schwachen Nachfrage für VW-Autos auf der Kippe. Bis Ende Juni 2027 hat der Standort nun noch Zeit, ein neues Konzept zu entwickeln und die Kosten zu senken. Sonst droht VW, die Produktion dichtzumachen.
Es droht ein „Desaster für die Stadt“
An diesem Donnerstag kommt VW-Chef Oliver Blume zur Betriebsversammlung nach Neckarsulm. Die mögliche Werksschließung sei das prägende Thema in der Stadt, sagt Hertwig. Seit Wochen drehten sich die Diskussionen um fast nichts anderes mehr. „Jeder spricht mich an, weil er mich natürlich auch in der Verantwortung sieht, das Bestmögliche für unsere Stadt und unser Werk zu erreichen“.
Hertwig sitzt in seinem Büro im Neckarsulmer Rathaus, das zu Fuß zehn Minuten vom Werkstor entfernt ist. Seine Mission: Irgendwie das Schlimmste verhindern. Eine Schließung des Audi-Werks „wäre ein Desaster für die Stadt. 15.000 Arbeitsplätze, 15.000 Familien hier in der Stadt, die direkt betroffen wären.“
Ein Viertel industrieller Wertschöpfung könnte wegbrechen
Ein Ende der Produktion würde viele soziale Probleme mit sich bringen. Hauskredite könnten nicht mehr abbezahlt werden, Menschen würden weniger in der Stadt einkaufen und seltener ins Restaurant gehen. Bäcker, Metzger, Handwerker müssten Insolvenz anmelden. „Einfach das gesamte städtische Leben ist auf dieses Werk ausgerichtet“, sagt Hertwig.
Doch das Problem reicht noch viel weiter als Neckarsulm. Wirtschaftsexperten rechnen mit dem Verlust von etwa 50.000 Arbeitsplätzen, sollte Audi das Werk tatsächlich dicht machen. Etwa 1.000 Zulieferer hängen an der Produktion im Werk. Insgesamt könnte gar ein Viertel der industriellen Wertschöpfung in der Region wegbrechen.
Fingerzeig für die Industrieentwicklung Deutschlands?
Was hier mit den Autos und den Menschen passiert, könnte ein Fingerzeig sein für die weitere Entwicklung ehemals industrieller Zentren Deutschlands. Das Werk in Neckarsulm ist eine der modernsten Autofabriken des Landes, ein Aushängeschild des VW-Konzerns. Gebaut werden hier die Premiummodelle A5, A6, A8 und der e-tron GT. In der Lackiererei steuert eine KI testweise die Trocknung der Karosserien, rund 200 fahrerlose Fahrzeuge übernehmen Transportwege, ein Algorithmus plant die Produktion sechs Tage im Voraus.
Das Werk in Neckarsulm ist eine der modernsten Autofabriken des Landes. (Archivbild)picture alliance / dpa
© picture alliance / dpa
Und trotzdem sieht es derzeit so aus, als würde es möglicherweise nicht reichen, um den Schockwellen durch die kostengünstigeren chinesischen Fahrzeuge und Donald Trumps Importzölle standzuhalten.
Briefe an die Konzernspitze und die Eigentümerfamilien
An Orten wie Neckarsulm entscheidet sich die Frage, ob große deutsche Konzerne und ihre Belegschaften es schaffen, gemeinsam einen neuen Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit auszuhandeln, mit dem auch noch in den 2030er Jahren international erfolgreiche Produkte und Wohlstand geschaffen werden können.
Oberbürgermeister Hertwig hat viele Briefe geschrieben in den letzten Wochen. An die Konzernführung von VW und auch an die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch. Doch ausgehandelt werden muss dieser neue Kompromiss letztendlich innerhalb des VW-Konzerns, von Leuten wie Alexander Reinhart.
Vom Mechatronik-Azubi zum Audi-Betriebsrat
Reinhart, Jahrgang 1985, ist seit Mai Betriebsratsvorsitzender in Neckarsulm. Vor über 20 Jahren begann er hier als Mechatroniker-Azubi und blieb seitdem im Werk, wie schon sein Großvater und sein Onkel vor ihm. Er ist grundsätzlich optimistisch. Auch seinem jüngeren Ich würde er ohne Bedenken raten, eine Ausbildung bei Audi in Neckarsulm anzufangen, sagt Reinhart.
Doch auch ihm ist klar, dass es schmerzhafte Einschnitte geben muss, wenn das Werk eine Chance haben soll. Man müsse sicher auch an einige „Heilige Kühe“ der Arbeitsbedingungen ran, um die Kosten zu senken, so Reinhart.
Um das Audi-Werk wieder wettbewerbsfähig zu machen, müsse man sicher auch an einige „Heilige Kühe“ der Arbeitsbedingungen ran, sagt Reinhart. (Archivbild)Bernd Weißbrod/dpa
© Bernd Weißbrod/dpa
Rund 2.000 Euro Kostennachteil
Aus Konzernkreisen heißt es, die Fabrikkosten pro Fahrzeug lägen in Neckarsulm derzeit bei etwas unter 6.000 Euro je Fahrzeug. Besonders wettbewerbsfähige Werke in Europa kämen hingegen auf rund 3.000 Euro. Anders als bei vielen Kleinwagen bräuchten die in Neckarsulm gebauten Premiummodelle wie der A6 aber auch deutlich mehr Montagezeit. Bereinigt um Stückzahl und Fahrzeugklasse bleibe trotzdem ein Kostenunterschied von rund 2.000 Euro pro Auto.
Um dem Werk eine langfristige Perspektive zu sichern, fordert Betriebsrat Reinhart ein elektrisches Volumenmodell. Außerdem müssten viele Prozesse und über Jahre gewachsene Strukturen auf den Prüfstand, um die Kosten zu senken.
Ministerpräsident Cem Özdemir kämpft für den Erhalt des Audi-Werks in Neckarsulm. (Archivbild)Bernd Weißbrod/dpa
© Bernd Weißbrod/dpa
Werden in Neckarsulm auch bald Waffen gebaut?
Und wenn es am Ende doch nicht reicht? Darüber will in Neckarsulm derzeit noch niemand sprechen. Das Modell Osnabrück, wo in einem ehemaligen VW-Werk in Zukunft Waffen gebaut werden sollen, stehe erstmal nicht zur Debatte. „Bevor wir das Werk zumachen, sind wir bereit, über nahezu alles zu diskutieren. Aber unser Fokus ist die Fahrzeugproduktion“, sagt Reinhart.
Sollte die Geschichte von Neckarsulm und Audi an ein Ende kommen, würde „ein Stück Identität der Bevölkerung wegbrechen, ein Stück Heimat“, meint Natalie Scheerle-Walz, die das Motorradmuseum der Stadt leitet. Die Verbundenheit Neckarsulms mit dem Thema Mobilität reiche weit zurück, erzählt sie: Der Audi-Vorgängerbetrieb NSU habe zunächst Strickmaschinen hergestellt, dann ab Ende des 19. Jahrhunderts Fahrräder und Motorräder, ehe das Unternehmen ab 1906 die ersten Automobile baute.
Neckarsulm und Audi gehörten heute zusammen wie Stuttgart und Daimler, sagt Scheerle-Walz. „Das ist die DNA dieser Stadt.“
Alexander Reinhart ist seit Mai Audi-Betriebsratsvorsitzender in Neckarsulm. (Archivbild)Bernd Weißbrod/dpa
© Bernd Weißbrod/dpa