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„Alpine Divorce“ - Wenn der Berg zur Beziehungsprobe wird

Nach einem tödlichen Unglück am Großglockner wird über den Begriff „Alpine Divorce“ diskutiert. Fachleute sehen darin kein häufiges, aber ein ernstzunehmendes Phänomen.

07.04.2026

Als Paar am Berg unterwegs - bringt das Probleme? (Symbolbild) picture alliance / Felix Kästle/dpa

Als Paar am Berg unterwegs - bringt das Probleme? (Symbolbild) picture alliance / Felix Kästle/dpa

© picture alliance / Felix Kästle/dpa

Ein Begriff macht gerade Karriere: „Alpine Divorce“ - auf Deutsch etwa Alpen-Scheidung. Das klingt nach Drama, nach Beziehungskrise im Hochgebirge. In Medien, auf Kommentarseiten und auf sozialen Plattformen wird ein Szenario diskutiert, bei dem ein Mann am Berg seine Partnerin zurücklässt, die konditionell oder technisch nicht mitkommt. Das kann ein Gefühl der Hilflosigkeit auslösen, im schlimmsten Fall können Gefahrensituationen entstehen.

Nach dem Tod einer 33-jährigen Frau am 3.798 Meter hohen Großglockner und dem Prozess in Innsbruck gegen ihren Partner wegen grob fahrlässiger Tötung war zunächst in den sozialen Medien eine heftige Debatte entbrannt: über Verantwortung, über Egoismus, über die Rollenverteilung am Berg und alpine Kultur.

„Er ist einfach weitergegangen“

Dann tauchte plötzlich dieses Schlagwort auf: „Alpine Divorce“. Es häufen sich Berichte von Frauen in den sozialen Netzwerken, die sich beim Wandern oder Bergsteigen von ihren Partnern alleingelassen fühlten. „Ich hatte Panik und habe geweint. Er ist einfach weitergegangen, nach dem Motto das würde ich ja wohl schaffen“, schilderte etwa eine Frau in einem Kommentar unter einem Online-Artikel der Zeitschrift „Alpin“. Ähnliche Erlebnisse werden auch mit anderen Geschlechter-Konstellationen und in Gruppensituationen berichtet.

Der Begriff Alpine Divorce war in Bergsteiger-Kreisen bislang unbekannt. Der Ausdruck geht auf den Titel einer Kurzgeschichte des britisch-kanadischen Schriftstellers Robert Barr von Jahr 1893 zurück: Es geht um ein Ehepaar, dessen Beziehung von gegenseitigem Hass geprägt ist. Er will sie in den Schweizer Bergen von einem Felsen stoßen, doch sie kommt ihm zuvor und stürzt sich selbst in den Tod. Die aktuell thematisierten Erlebnisse haben somit kaum etwas dieser Geschichte zu tun.

Der Partner der gestorbenen Bergsteigerin wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. (Archivfoto) Expa/Erich Spiess/APA/dpa

Der Partner der gestorbenen Bergsteigerin wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. (Archivfoto) Expa/Erich Spiess/APA/dpa

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Aber es gibt Anknüpfungspunkte zwischen der Debatte und dem Drama am Großglockner: Der angeklagte Alpinist wurde unter anderem deshalb verurteilt, weil er den Schwierigkeitsgrad der Route gegenüber seiner sportlichen, aber weniger erfahrenen Freundin verharmlost hatte. Vor Gericht sagte auch eine Ex-Freundin des Mannes als Zeugin aus, dass er sie einmal bei einer gemeinsamen Bergtour in der Dunkelheit allein gelassen habe. Nach der Verurteilung des Angeklagten ist nun ein Berufungsgericht am Zug.

Dass Männer ihre Partnerinnen am Berg zurücklassen, sei weder typisch noch in der Praxis breit belegt, sagt Stefan Winter vom Deutschen Alpenverein (DAV). Auch aus Bergunfallstatistiken sei kein entsprechender Trend bekannt. Aber: „Der Großglockner ist eine Projektionsfläche.“ Für Klischees, für Empörung und Sensationslust - vielleicht aber auch für Konflikte, die es in einer Paarbeziehung schon vorher gab, wie Winter sagt.

Extremsituationen mit Konflikt-Potenzial

Auch die Wander- und Gruppendynamik-Expertin Julia Rappich geht nicht von einer hohen Zahl solcher Fälle aus. Dennoch können sie laut Rappich im Extremfall vorkommen - etwa wenn Menschen mit sehr unterschiedlicher Bergsport-Kompetenz gemeinsam unterwegs sind. Wenn dann auch noch Erschöpfung oder Gefahrensituationen auftreten, können Konflikte eskalieren, sagt die Trainerin, die seit Jahren Bergwander-Führer in Österreich ausbildet.

Sie warnt vor der Vorstellung, dass es am Berg immer harmonisch zugeht. „Dann begebe ich mich in eine Fantasiewelt, die mich nicht darauf vorbereitet, dass so etwas passieren kann“, sagt sie über mögliche Komplikationen oder Trennungen unterwegs. Rappich wünscht sich, dass möglichst viele Frauen lernen, mit Kompass und Karte umzugehen und geplante Routen einzuschätzen, um selbstbestimmt am Berg unterwegs zu sein.

Männer nicht grundsätzlich konditionell und technisch besser 

Die Geschlechterrollen sind aber laut Rappich und Winter nicht eindeutig verteilt. „Es kann genauso gut sein, dass Frauen die Stärkeren sind“, sagt Winter. Dennoch müsse man die Wortmeldungen von betroffenen Frauen ernst nehmen und prüfen, ob man im DAV etwas nachzuholen habe - oder wie man auf die Szene positiv Einfluss nehmen könne, sodass sich alle am Berg wohlfühlten.

Damit es nicht zu solchen Situationen komme, sei eine gute Kommunikation im Vorfeld Voraussetzung für jede Tour, sagt Bergführerin Heidi Harder. Gesprochen werden müsse über die Fähigkeiten und persönlichen Ziele der Partner, nötig sei auch eine Selbstreflexion in Bezug auf die eigene Rolle und Ambitionen.

Laut Harder ist es nur unter besonderen Bedingungen denkbar, jemanden für eine gewisse Zeit warten zu lassen - etwa wenn diese Person aus Konditionsgründen nicht mehr weiter kann. Man müsse für einen sicheren Warteplatz sorgen, Wetterbedingungen berücksichtigen und niemanden zu lange alleine lassen. „Die Person muss sich in einem angemessenen körperlichen und psychischen Zustand befinden“, sagt die Bergführerin. 

Grundregel: Der Stärkere orientiert sich am Schwächeren

Menschen, die in den Bergen unterwegs seien, verhalten sich aber laut den Fachleuten in aller Regel verantwortungsvoller und überlegter als es oft dargestellt wird. Der DAV vermittelt in Ausbildungen grundsätzlich: Der Stärkere orientiert sich am Schwächeren. Das heißt: Tempo anpassen, unterstützen, gemeinsam ankommen – oder gemeinsam umkehren. Diese Regeln sind klar, und so wird das in den allermeisten Fällen auch gemacht. 

Was im Tal nicht rund laufe, laufe am Berg selten besser, sagt Winter vom DAV. Wenn ein Paar unterwegs ist, könne es vorkommen, dass sie „ganz viele Themen aus dieser Beziehung auf den Berg mitnehmen“, erklärt Rappich. Daraus könne eine Dynamik entstehen, die mit dem Bergerlebnis nichts zu tun habe, sondern mit der Beziehung. - Ein Phänomen, das der Autor Robert Barr schon vor etwa 130 Jahren in seiner Kurzgeschichte thematisiert hat.

Als Paar am Berg unterwegs - bringt das Probleme? (Symbolbild) picture alliance / Wolfgang Kumm/dpa

Als Paar am Berg unterwegs - bringt das Probleme? (Symbolbild) picture alliance / Wolfgang Kumm/dpa

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