8. Mai in Dresden – Gauck mahnt ehrliches Erinnern an
Joachim Gauck fordert in Dresden ein ehrliches Erinnern an den 8. Mai. Warum gerade Ostdeutsche die Rolle der Sowjetunion als ambivalent erleben.
Alt-Bundespräsident Gauck spricht bei der Gedenkveranstaltung zum Ende des Zweiten Weltkriegs in der Staatskanzlei in Dresden.Sebastian Kahnert/dpa
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Bei der Gedenkfeier in Dresden zum Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung vom Nationalsozialismus hat der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck an die ambivalente Rolle der Sowjetunion erinnert. Der 8. Mai bleibe eine Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit im Erinnern, zur Verantwortung für die Freiheit und zum Schutz der Menschenrechte, sagte Gauck in der sächsischen Staatskanzlei.
Ambivalente Rolle der Roten Armee
Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft. Damit endeten die NS-Diktatur und der Zweite Weltkrieg mit Millionen Toten in Europa. Entscheidenden Anteil am Sieg der vier Alliierten hatte die Rote Armee der Sowjetunion.
„Wir verneigen uns vor allen Soldaten der Armeen im Westen wie im Osten“, sagte Gauck. Gerade die Soldaten der Sowjetunion hätten einen ungeheuren Blutzoll entrichtet, leider hätten aber nur wenige Menschen im Osten Dankbarkeit empfinden können.
Gauck: Aus Befreiern wurden Unterdrücker
„Denn so wichtig die Rolle der sowjetischen Sieger auch war bei der Beseitigung des blutrünstigen Naziregimes, so brutal und rechtsverletzend war anschließend die Rolle der Sowjetmacht im nun besiegten Deutschland“, sagte der gebürtige Rostocker Gauck. Er erinnerte auch die Niederschlagung des DDR-Volksaufstands am 17. Juni 1953. Aus den einstigen Befreiern seien Unterdrücker geworden. „Diese Ambivalenz müssen wir tragen, gerade wenn wir in Ostdeutschland gelebt haben oder leben und aufgewachsen sind.“
Deutsche erlebten Kriegsende als Zusammenbruch
In ganz Deutschland hätten viele das Kriegsende zunächst als Zusammenbruch erlebt und nicht als Befreiung Europas von einem Regime, das die Menschen entrechtete, versklavte und millionenfach ermordete. Auch als die Verbrechen des Nationalsozialismus längst bekannt waren, habe der Mentalitätswandel seine Zeit gebraucht. Die Befreiung der Deutschen habe erst mit der 68er-Bewegung im Westen begonnen.
„Auch hier in Ostdeutschland gab es damals diese Verdrängung“, fügte Gauck hinzu. Die historische Schuld sei mit einer merkwürdigen Art von Antifaschismus ausgelagert worden. Der Staat habe den Faschismus als überwunden erklärt, „denn wir hier im Osten würden auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, an der Seite der Sieger“. Aber wenn man Schuld unter den Teppich kehre, verschwinde sie nicht.