WM 2026

48 Teams bei XXL-WM: Was spricht dafür, was dagegen?

Die Fußball-WM ist Gigantismus nach FIFA-Art. Der Weltverband muss viel Kritik für die Aufstockung auf 48 Teams einstecken. Die ersten zwei Spieltage zeigen: nicht alles ist schlecht.

24.06.2026

Torhüter Vozinha von Kap Verde würde über Nacht zum Star. (Archivbild)Ju Huanzong/XinHua/dpa

Torhüter Vozinha von Kap Verde würde über Nacht zum Star. (Archivbild)Ju Huanzong/XinHua/dpa

© Ju Huanzong/XinHua/dpa

Als die FIFA die Aufstockung der Weltmeisterschaft auf 48 Teams beschloss, waren die Fronten klar: Die einen sprachen von einer historischen Chance für den Weltfußball, die anderen von einem überladenen Mega-Turnier. Die ersten beiden Spieltage liefern Argumente für beide Seiten. Was spricht für das XXL-Turnier und was dagegen? 

Pro: Neue Gesichter, neue Geschichten

Für kleinere Fußballnationen ist die Aufstockung auf 48 Teams ein Segen und eine seltene Chance, ins Rampenlicht zu rücken. Länder wie Curaçao, Jordanien, Usbekistan oder Kap Verde können auf der größten Fußballbühne der Welt ihre Geschichten erzählen. So wurde Kap Verdes Torhüter Vozinha nach dem 0:0 gegen Spanien über Nacht zum WM- und Internet-Star. Inzwischen folgen ihm über 15 Millionen Menschen bei Instagram. 

Die Spieler aus Curaçao bejubelten nach dem 0:0 gegen Ecuador ihrn ersten WM-Punkt. (Archivbild)Ed Zurga/AP/dpa

Die Spieler aus Curaçao bejubelten nach dem 0:0 gegen Ecuador ihrn ersten WM-Punkt. (Archivbild)Ed Zurga/AP/dpa

© Ed Zurga/AP/dpa

Auch seine Mutter bewegt viele Fans: Weil sie die Visums-Kaution zunächst nicht bezahlen konnte, verpasste sie das erste Spiel ihres Sohnes. Inzwischen durfte sie in die USA einreisen. Die Geschichte von Curacao als kleinstem WM-Teilnehmer jemals ging ebenfalls um die Welt. Rund 185.000 Menschen leben in dem Karibikstaat - ungefähr so viele wie in Saarbrücken. 

Pro: Qualität leidet nicht

Viele Kritiker warnten wegen der Erweiterung vor mehr Klassenunterschieden und langweiligen, einseitigen Spielen. Die bisherige WM zeigt jedoch ein anderes Bild: Nach den ersten 24 Partien entsprach die Tordifferenz ungefähr dem Niveau der WM 2022 – von einer deutlichen Verschlechterung der Spielqualität ist wenig zu sehen. 

Kantersiege wie das 7:1 zwischen Deutschland und Curacao oder das 6:0 der Kanadier gegen Katar gibt es immer. Doch einige der weniger traditionsreichen Nationen konnten sich zu Beginn gut behaupten. So trotzte Kap Verde erst den Spaniern ein 0:0 ab, dann Uruguay ein 2:2. Die Demokratische Republik Kongo erkämpfte ein 1:1 gegen Portugal. „Jedes Team kann dich schlagen. Alle sind hier, weil sie talentiert sind“, sagte Spaniens Marc Cucurella. 

Contra: Wettbewerbsverzerrung durchs Reisen?

48 Teams und 16 Spielorte in drei Ländern – das bedeutet für einige Teams enorme Reisestrapazen. Bosnien-Herzegowina bestritt sein erstes Gruppenspiel in Toronto und musste für die zweite Partie nach Los Angeles reisen – eine Distanz von rund 3.500 Kilometern Luftlinie. Auch Tschechien ist stark gefordert: Zwischen den ersten beiden Spielorten Guadalajara und Atlanta liegen etwa 2.500 Kilometer, ehe es zum Vorrundenabschluss wieder nach Mexiko-Stadt geht. 

Taschenkontrolle vor dem Boarding: Sportdirektor Rudi Völler und das DFB-Team spielten erst in Houston, dann in Toronto. (Archivbild)Federico Gambarini/dpa

Taschenkontrolle vor dem Boarding: Sportdirektor Rudi Völler und das DFB-Team spielten erst in Houston, dann in Toronto. (Archivbild)Federico Gambarini/dpa

© Federico Gambarini/dpa

Zwar liegen zwischen den Partien mehrere Tage Pause, dennoch sind die zusätzlichen Reisen ein Nachteil gegenüber Teams mit kompakteren Turnierplänen. Deutlich besser hat es Paraguay erwischt: Die Südamerikaner haben ihr Teamquartier in Kalifornien und bestreiten in dem Bundesstaat auch alle drei Gruppenspiele. Auch Panama profitiert von kurzen Wegen: Das Basecamp liegt im kanadischen New Tecumseth - das ist nur gut eine Autostunde von Toronto entfernt, wo zwei ihrer Vorrundenspiele stattfinden.

Contra: Weniger Spannung

Die Nullnummer zum Auftakt gegen Kap Verde war ein Desaster für Spanien. Und trotzdem gab sich der Europameister ebenso gelassen wie die Belgier oder die Niederländer, die ebenfalls anfangs Punkte liegen ließen. Warum auch nervös werden, wenn durch den neuen Modus ja auch die acht besten Gruppendritten weiterkommen? Der sportliche Wert der Gruppenspiele ist genauso gesunken wie die Spannung. 

Zu letzterem trägt auch die geänderte Regelung bei, wonach bei Punktgleichheit erstmals der direkte Vergleich und erst danach die Tordifferenz entscheidet. So war schon vor dem abschließenden Gruppenspieltag klar, dass etwa die Türkei, Jordanien oder Haiti ihre Koffer packen können. Die ersten 72 Spiele an 17 Tagen sorgen gerade einmal dafür, dass das Feld auf die alte Größe von 32 Nationen reduziert wird.

Pro und Contra: Mehr Spiele

Die größte Veränderung im Turnierbaum ist die neue erste K.o.-Runde: das Sechzehntelfinale. Die FIFA musste sich viel Kritik für ihren Gigantismus gefallen lassen. „Viel zu viel“, kritisierte Ex-Nationalspieler Marco Reus in der ARD vor dem Turnierstart. Auch Frankreichs Coach Didier Deschamps warnte vor gesundheitlichen Folgen. „Die Alarmglocken läuten seit längerem. Die Gefahr eines Burn-outs ist deshalb nicht wegzudiskutieren“, sagte er. Auch die Standortwechsel von Spieltag zu Spieltag sorgten vorab für Kritik.

So viele Teams wie noch nie: 48 Mannschaften nehmen an der WM teil. (Archivbild)Alex Brandon/AP/dpa

So viele Teams wie noch nie: 48 Mannschaften nehmen an der WM teil. (Archivbild)Alex Brandon/AP/dpa

© Alex Brandon/AP/dpa

Doch die Aufblähung des Wettbewerbs sorgt auch dafür, dass die Mannschaften in der Gruppenphase fast eine Woche Pause haben zwischen zwei Spielen. Viele Trainer geben ihren Spielern daher erst einmal zwei Tage frei, bevor die Vorbereitung beginnt. So war Harry Kane mit Teamkollegen bei einem Konzert, Schwedens Profis beim Baseball. Die Kanadier und US-Amerikaner entspannten mit ihren Familien beim Barbecue und die Norweger jetteten für einen Kurztrip nach New York.