29. Krimi-Fall: Auf Usedom sind die „Mörder unter uns“
Populismus und Sensationsjournalismus, Freundlichkeit und Gemeinschaft: Der zweite neue „Usedom-Krimi“ in diesem Herbst bringt eine Vielfalt von Themen zur Sprache. Das gerät reichlich belehrend.
Ex-Staatsanwältin Karin Lossow (l, Katrin Sass) hat ihren Mann im Affekt getötet. (Handout)Oliver Feist/NDR Presse und Information/dpa
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Auf der schönen Ostseeinsel Usedom kocht die Volksseele. Denn in kurzem Abstand werden zwei Blutlachen entdeckt, die zweifelsfrei von Menschen stammen - obwohl es keine Leichenfunde gibt. Anwohner meinen jedoch sofort zu wissen, dass es hier um Mord geht - und bekommen es mit der Angst zu tun.
Den Täter haben sie schnell ausgemacht: einen ehemals wegen eines Kapitalverbrechens verurteilten, nun abseits lebenden und heruntergekommen wirkenden Mann namens Kachel (Wolfgang Michael). Angestachelt von reißerischen Artikeln ihrer Lokalzeitung demonstrieren die Menschen lauthals gegen die Polizei, werfen ihr in groben Worten Untätigkeit und Versagen vor.
Hund Lucky bringt den Fall ins Rollen
Die 29. Episode der beliebten Filmreihe „Der Usedom-Krimi“ nimmt das gesellschaftlich aktuelle Thema Populismus ins Visier. Der Fall „Mörder unter uns“ mit der Ex-Staatsanwältin Karin Lossow (Katrin Sass) läuft am Donnerstag (29. Oktober) um 20.15 Uhr im Ersten. Es ist der zweite von drei neuen Krimis von der Insel in diesem Herbst - am 5. November folgt die 30. (Geburtstags-)Episode „Wunschkind“.
Bei der inhaltlich übervollen und nicht immer überzeugenden Geschichte, der nach Angaben des verantwortlichen Senders NDR ein realer Fall zugrunde liegt, führt Matthias Tiefenbacher („Tiroler Blut - Am Abgrund“) Regie nach dem Drehbuch von Antonia Scheurlen und Lucas Thiem. Darin werden, wie in den seit 2014 ausgestrahlten und oft psychologisch angelegten Usedom-Krimis üblich, auch Aspekte wie menschliche Einsamkeit und Melancholie verhandelt.
Das Geschehen ins Rollen bringt Lossows Hund Lucky, der im wörtlichen Sinne Blut leckt. Beim abendlichen Strandspaziergang der beiden im Badeort Ahlbeck rinnt das Blut über den Weg - und da muss Lucky natürlich seine Nase hineinstecken.
Seltsame gefühlvolle Wendung
Neben einem größeren Polizeiaufgebot und zahlreichen Gaffern ist bald auch die ehrgeizige Zeitungsreporterin Louisa Malottky (Vanessa Loibl) vor Ort. Flapsig witzelnd spricht Lossow von einem mutmaßlichen „Serienmörder“ und lässt sich von Malottky zu Fotos von sich selbst und dem Hund überreden. Am nächsten Morgen beim Frühstück ist die einst wegen Mordes an ihrem Mann verurteilte ehemalige Staatsanwältin entsetzt darüber, dass das Hundebild und ihr Zitat vom „Serienmörder“ unter Angabe ihres Namens auf der Titelseite prangen.
Aus Mitgefühl mit Kachel, den sie von einer Resozialisierungs-Maßnahme kennt, mischt sich die dünnhäutige Lossow, die selbst Jahre im Gefängnis saß, in die Untersuchungen der Kripo Heringsdorf ein. Dabei handelt es sich um ihren Neffen, Hauptkommissar Rainer Witt (Till Firit), und dessen aus Dänemark stammende Kollegin Ellen Norgaard (Rikke Lylloff).
Die beiden Polizeiobermeister Holm Brendel (Rainer Sellien) und Dorit Martens (Jana Julia Roth) recherchieren zudem schon emsig auf der Insel - obwohl ja noch keine Leichen aufgetaucht sind. Doch Martens will unbedingt die Bevölkerung schützen. Die Geschichte erhält eine seltsame gefühlvolle Wendung, als die integre Polizistin mit der von Loibl überdreht als skrupellos sensationsheischend dargestellten Journalistin zusammentrifft.
Mahnung vor Massenhysterie und Vorverurteilung
Vor Jahren - als Teenager - waren ausgerechnet die beiden ungleichen Frauen einmal ineinander verliebt. Das ist ein Aspekt, den man als Zuschauer als konstruiert wahrnehmen kann - der Martens aber noch vor eine schwerwiegende Entscheidung stellen wird.
Der 29. „Usedom“-Krimi, der Lossow sogar in das Kühlfach einer Klinik-Pathologie führt, fällt bei alledem immer wieder reichlich plakativ und belehrend aus. Durch überdeutliche Mahnung vor Massenhysterie und Vorverurteilungen etwa und den wiederholten Hinweis, wie wichtig Freundlichkeit und Gemeinschaft sind. „Egal ob Kirche oder Kneipe - Hauptsache, wir kommen zusammen“, räsoniert da etwas zweifelhaft Lossows Nachbar, der neue Inselpastor (Axel Ranisch).
Miteinander reden und Gemeinschaft pflegen: Das ist jedenfalls etwas, das die Lossow-Darstellerin Sass auch privat gerne tut. „Es ist vielleicht kein Heilmittel für unsere Gesellschaft, denn Heilmittel gibt’s, glaube ich, gar nicht mehr. Aber es ist vielleicht ein kleiner Anstoß, um voranzukommen“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.
Sass „quasselt“ gern mit Fremden
Die Schauspielerin, die seit einiger Zeit wieder in ihrer Geburtsstadt Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) lebt, fügt hinzu: „Gerade mit Menschen reden, mit denen man normalerweise gar nicht reden würde - das mach‘ ich oft, etwa, wenn ich auf der Straße angesprochen werde.“ Oder auch im Café. „Ich mach‘ das unheimlich gerne - oft hole ich noch Stühle ran und dann quasseln wir. Gar nicht über Politik, daran können wir erst mal ja gar nicht viel ändern“, erzählt Sass, die am Freitag ihren 70. Geburtstag gefeiert hat.
„Ich sage dann, lasst uns doch einfach mal sagen, ist das nicht schön hier in Schwerin. Oder man spricht über ganz andere Dinge. Dadurch bekommt man absolut ein anderes Lebensgefühl und wird resistenter gegen vieles andere.“ Sass‘ Erkenntnis dabei: „Es gibt keine Fremden - wir sind alle eins auf unserem Planeten. Das Universum hat uns und alles hier geschaffen.“