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Anonyme Hilfe für Sexualopfer

Spurensicherung nach sexualisierter Gewalt im St.-Agnes-Hospital Bocholt

Freitag, 24. Januar 2020 - 18:00 Uhr

von Borkener Zeitung / Horst Andresen / pd

Sexualopfer können ab sofort schnell und anonym Spuren der Gewalt ärztlich sichern lassen – ohne dass sie zuvor die Polizei kontaktieren oder eine Strafanzeige erstellen müssen. Das neue Modell der Anonymen Spurensicherung (ASS) ist eine Kooperation zwischen dem Bocholter St.-Agnes-Hospital und dem Arbeitskreis „GewAlternativen“ im Kreis Borken.

Foto: HighwayStarz

Mit dem Codewort „Anna“ anmelden: Sexualopfer können sich ab sofort anonym im St.-Agens-Hospital in Bocholt untersuchen lassen.

KREIS BORKEN. Diese Nachricht lässt aufhorchen: Erstmals im Kreis Borken können Opfer von Sexualstraftaten die Spuren sexueller Gewalt sichern lassen, ohne dass zuvor die Polizei eingeschaltet werden müsste. Und das schnell und anonym. Möglich macht das Verfahren eine Kooperation zwischen dem Bocholter St.-Agnes-Hospital und der Arbeitsgruppe Gesundheit des „Runden Tisches gegen häusliche Gewalt im Kreis Borken – GewAlternativen“, berichtete der Kreis am Freitag. Die Finanzierung übernimmt das Land.

Dahinter steht das Modell der Anonymen Spurensicherung (ASS) – augenscheinlich eine enorme Hilfe für Opfer von Sexualstraftaten; in der Regel sind das Frauen. Bei der ASS werden Verletzungen dokumentiert und Spuren am Körper des Gewaltopfers gesichert. Außerdem erfolgt eine Beratung zu weiterführenden therapeutischen und psychosozialen Angeboten.

Opfer von Sexualstraftaten und häuslicher Gewalt seien selten in der Lage, die Täter, die häufig aus dem näheren familiären Umfeld stammten, sofort anzuzeigen. „Die Frauen sind traumatisiert, empfinden Scham, stehen unter Schock und versuchen, das Erlebte zu verdrängen“, erklärt Dr. Christine Cellarius, Hausärztin aus Borken und Sprecherin der Arbeitsgruppe Gesundheit.

„Spuren sind Beweise“

Es koste eine enorme Überwindung, überhaupt über die Tat zu sprechen und zu realisieren, dass sie tatsächlich passiert sei. „Wer nicht unmittelbar danach die Polizei alarmieren oder eine Anzeige erstatten kann, sollte trotzdem so schnell wie möglich das St.-Agnes-Hospital aufsuchen. Spuren sind Beweise, und die können auch ohne Polizei und Anzeige gesichert werden“, erläutert die Ärztin.

Auf diese Weise gewinnen Opfer von Gewalt Zeit und Raum, sich psychisch zu stabilisieren, körperliche Verletzungen auszukurieren und sämtliche notwendige Unterstützung und Beratung zu erhalten. Das Erstatten einer polizeilichen Anzeige könne Tage, Wochen, Monate oder Jahre später erfolgen.

Am Empfang mit „Anna“ melden

Im Bocholter Krankenhaus sind alle Ärztinnen und Ärzte der Abteilung Frauenheilkunde und Geburtshilfe für den Bereich der Anonymen Spurensicherung ausgebildet. „Selbst leichte Spuren sind bedeutend und können sichergestellt werden“, betont Oberärztin Margo te Woerd.

Wie verläuft das Verfahren der Anonymen Spurensicherung?

Opfer von Sexualstraftaten und häuslicher Gewalt sollten sich möglichst sofort nach der Tat und ohne zu duschen oder sich umzuziehen in das Krankenhaus begeben. Dort sollten sie am „Empfang“ unter Nennung des Codewortes „Anna“ um die anonyme Sicherung der Spuren bitten.

Das Krankenhaus hält ein Spurensicherungsset bereit. Der Untersuchungsbericht und die gesicherten Spuren werden mit einer Chiffre-Nummer versehen und die Beweismittel (zum Beispiel Sperma, Haare) per Kurier zum Institut für Rechtsmedizin nach Düsseldorf gebracht. Dort werden die Spuren zehn Jahre gelagert. Wenn sich Frauen zu einem späteren Zeitpunkt für eine Strafanzeige entscheiden, können sie auf diese Spurensicherung hinweisen. Die Polizei leitet dann die notwendigen Schritte ein.

Wichtig zu wissen: Die anonyme Spurensicherung ist für die Opfer kostenlos.

„Gut ist es, wenn sich die Betroffenen einer Person anvertrauen, die sie beim Gang zum Krankenhaus begleitet“, empfiehlt Irmgard Paßerschroer, Gleichstellungsbeauftragte des Kreises und Geschäftsführerin des Runden Tisches „GewAlternativen“.

Telefonische Hilfe

Hilfe und Unterstützung gibt es auch von der Frauenberatungsstelle und dem Frauennotruf in Ahaus (Tel. 02561/3728), dem Frauenhaus in Bocholt (Tel. 02871/40194) und der Frauenschutzwohnung in Gronau (Tel. 02562/817340).

In den nächsten Wochen werden Informations-Flyer und -Kärtchen an Arztpraxen und Beratungsstellen im gesamten Kreisgebiet verschickt. „Wir hoffen, dass sich die Möglichkeit der anonymen Spurensicherung im Bocholter Krankenhaus im Kreis herumspricht und die Opfer diese Möglichkeit auch nutzen“ , so Christine Cellarius.

Der Flyer erscheint in sieben Sprachen, in Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch, Türkisch, Arabisch und Persisch.

Foto: Kreis Borken

Anonyme Spurensicherung: Mitglieder des „Runden Tisches gegen häusliche Gewalt im Kreis Borken – GewAlternativen“. Von links: Irmgard Paßerschroer (Geschäftsführerin Runder Tisch GewAlternativen), Rachel Packschies (Heilpraktikerin Borken, GewAlternativen), Dr. Christine Cellarius (Sprecherin AG Gesundheit, GewAlternativen), Ulrike Reuter (Gesundheitsamt Kreis Borken, GewAlternativen), Veronika Kampshoff (Heilpraktikerin Bocholt, GewAlternativen), Franziska Pühl (Assistenzärztin in der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe), Margo te Woerd-van Dooren (Oberärztin in der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe) und Herbert Mäteling (Geschäftsführer St. Agnes-Hospital Bocholt-Rhede).


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