Borken

Kleine Klassen bleiben wohl ein Traum

Hohe Hürden für kleine Gruppen

Samstag, 22. August 2020 - 08:00 Uhr

von Sven Kauffelt

Als die Schule nur mit halben Klassen stattfand, waren alle begeistert über die Lernerfolge, die plötzlich zu erzielen waren. Einen Unterricht mit 15 oder 20 Schülern als Regel wird es wohl aber kaum geben.

In Borkener Grundschulklassen werden aktuell zwischen 18 und 28 Schüler unterrichtet.Adobe Stock

BORKEN. Spätestens seit dem Schock der Pisa-Tests gibt es in Schulen eine Debatte um die Klassengrößen. Lehrer- und Elternverbände fordern seit Langem, die Gruppengrößen zu verkleinern. Durch die Schulnotbetreuung vor den Sommerferien haben die Befürworter neue Argumente. „Wir wissen natürlich nicht erst seit Corona, dass in kleineren Klassen bessere Lernerfolge erzielt werden“, sagt Michael Grevenbrock, Leiter der Schönstätter Marienschule.

Studien, die das unterstützen, gibt es mittlerweile eine ganze Reihe. Ein Beispiel: Im Jahr 2018 untersuchte das Deutsche Institut für Wirtschafsforschung 38.000 Mathe- und Deutschtests von Grundschülern im Saarland. Studienautor Stephan Sievert sagte in einem Interview mit dem Deutschlandfunk: „Wir haben herausgefunden, dass zum Beispiel im Fach Deutsch jeder Schüler weniger in der Klasse dazu führt, dass Schüler so viel mehr lernen, wie sie es sonst in einer Woche tun.“ In großen Grundschulklassen sei der Effekt bis zu zweieinhalb Mal so groß – pro Schuljahr.

„Mehr als erstrebenswert“

Christel Bernard, Leiterin der Gemener Cordulaschule, nennt kleine Klassen „mehr als erstrebenswert“. Gerade die Zeit ab Mai, als wieder in halber Klassenstärke unterrichtet werden durfte, habe diesen Eindruck bestätigt – für alle Beteiligten, wie die Pädagogin betont: „Kinder, Eltern und Lehrer haben das alle als positiv beschrieben.“

Die Reaktionen aus anderen Schulen klangen ganz ähnlich. Aus allen Richtungen kamen in den Wochen der halbierten Klassen begeistert Rückmeldungen: „Wir schaffen in einer Unterrichtsstunde, wozu wir vorher eine Woche gebraucht haben“, erklärte ein Lehrer einer weiterführenden Schule in Borken.

Versprechen, die Klassen kleiner zu machen, hat es schon viele gegeben. Im Jahr 2010 sagte der damalige Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU): „Wir wollen maximale Klassengrößen von 25 Schülern in Grund- und Hauptschulen und 28 Schülern in Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien erreichen.“ Von der Normgröße her ist das Vorhaben erfüllt: 23 Kinder in Grundschulklassen und 27 in den weiterführenden Schulen – so lautet die Richtzahl, die die Bezirksregierung vorgibt. Aber in der Realität schwanken die Klassengrößen sehr stark. In Borken aktuell zwischen 18 und 28 Kindern pro Grundschulklasse und zwischen 21 und 31 Kindern in den Jahrgängen fünf bis zehn. „Es ist einfach ein riesengroßer Unterschied, ob ich als Lehrer vor 32 oder vor 20 Mädchen stehe“, argumentiert Marienschulleiter Grevenbrock.

Costa Rica ist weltweit Vorbild

Pädagogen und Elternvertreter werden der Politik immer wieder vor, zu wenig in die Bildung zu investieren. Deutschland gab – bemessen an den Gesamtausgaben des Staates – im Jahr 2015 prozentual weniger für Bildung aus als der Durchschnitt der EU-Mitgliedsstaaten. Auch global liegen die Ausgaben unter dem Schnitt der Mitgliedsstaaten der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD). Spitzenreiter ist hier übrigens Costa Rica. Das kleine mittelamerikanische Land wendet rund 32 Prozent seiner Ausgaben für die Bildung auf. Costa Rica hat im OECD-Vergleich auch die wenisten Schüler pro Klasse: 15 an Grundschulen.

Für Gebäude und Ausstattung ist die Kommune zuständig. Laut Auskunft der zuständigen Fachbereichsleiterin Katja Hoffboll hat die Stadt Borken in den vergangenen zehn Jahren über acht Millionen Euro in Baumaßnahmen an den Schulen investiert, weitere 4,5 Millionen Euro kommen für die Astrid-Lindgren-Grundschule in Burlo und die Jodocus-Nünning-Gesamtschule hinzu – und möglicherweise 20 bis 40 Millionen Euro für den Neubau der Julia-Koppers-Gesamtschule (siehe unten „Frage an die Politik“). Die Ausgaben für Gebäudeunterhaltung, IT- und sonstige Ausstattung im vergangenen Jahrzehnt gibt die Stadt mit über neun Millionen Euro an. Um dieselbe Anzahl Schüler in kleineren Klassen zu unterrichten, müsste darüber hinaus viel Geld ausgegeben werden. „Wo sollen Räume, Gebäude und vor allem Personal herkommen?“, fragt Christel Bernard.

Für die Lehrer und deren Gehälter ist jedoch das Land zuständig. Und das ist eher damit beschäftigt, den Lehrermangel einigermaßen abzumildern. Prognosen zufolge fehlen in den kommenden zehn Jahren 15.000 Lehrer in NRW, um den Status Quo aufrecht zu erhalten. Kleine Klassen, wodurch ein noch deutlich größerer Personalbedarf entstehen würde, wirken da einigermaßen illusorisch.