Fuck, fuck, fuck. Das muss an dieser Stelle jetzt mal so stehen bleiben (Okay, wir streichen es nicht, Anm. der Schulze-Redaktion). 1951 kam in den USA das Buch „Der Fänger im Roggen“ heraus. Darin hat der Autor, ein gewisser Jerome D. Salinger, das F-Wort auf 150 Seiten nicht weniger als 44 Mal gebraucht. Die selbsternannte Schimpfwort-Polizei hatte nachgezählt. Was für ein Skandal!
Salinger hat das Buch natürlich nicht deswegen geschrieben, um haufenweise Pfui-Ausdrücke in die Welt zu setzen, sondern weil er eine Geschichte zu erzählen hatte. Und was für eine! Die Geschichte von Holden Caulfield, 16 Jahre alt, der keine Lust mehr auf Schule hat, auf nervige Lehrer und auf diesen ganzen verlogenen Leistungs-Quatsch der Erwachsenen. Die meisten Mitschüler gehen ihm auch auf den Geist, besonders Ackley, sein permanent Pickel ausdrückender Zimmernachbar im Internat. Und Stradlater, dieser Schönling. Holden haut ab, weiß aber nicht so recht wohin. Er streift ziellos durch New York, versucht einen auf männlich zu machen. Das gelingt ihm aber nur ansatzweise. Nach ein paar Tagen kehrt er zurück ins Schulleben, nicht aus Überzeugung, sondern weil das Geld alle ist. Und überhaupt. Muss ja irgendwie weitergehen. Fuck.
Salinger hatte einen Nerv getroffen und den Jugendlichen damals aus der Seele geschrieben. „Der Fänger im Roggen“ zählt zu den meist verkauften und hoffentlich meist gelesenen Büchern des vorigen Jahrhunderts. Noch immer sollen pro Jahr weltweit ein paar hunderttausend Bücher über den Ladentisch gehen. Das Erstaunliche: Bis auf ein paar Textstellen, glaubt, der „Fänger“ sei von heute.
Und was machte Salinger nach seinem Welterfolg? Er machte sich unsichtbar. Kein Hype wie um Harry Potter oder die Biss-Reihe. Das komplette, geheimnisvolle Gegenteil. Salinger verwahrte sich gegen jegliche Einmischung in seine Privatsphäre. Womit er den Kult um sein Werk unfreiwillig selbst beförderte. Er veröffentlichte noch ein paar Kurzgeschichten, gab zwei, drei Interviews. Das letzte offizielle Foto ist 50, 60 Jahre alt. Auf seiner Farm in Neu-England soll er weiter und immer weiter geschrieben haben - aber nur für sich. In der vergangenen Woche ist J. D. Salinger im Alter von 91 Jahren gestorben.
Als Holden in New York zufällig am Naturkunde-Museum vorbeikommt, wo er mit seiner Klasse früher immer an den Vitrinen entlanggeführt wurde, wird er von der Sehnsucht nach den schönen Momenten in seinem Leben gepackt. Dem Zusammensein mit seinen Geschwistern zum Beispiel. Phoebe, seine süße kleine Schwester. Doch Erinnerungen sind gestern, nicht Gegenwart. „Manche Sachen sollten so bleiben, wie sie sind“, wünscht sich Holden. „Man sollte sie in einen großen Glaskasten stecken und so lassen können.“
In so einen Glaskasten gehört „Der Fänger im Roggen“ auch. Gelesen natürlich.