
„Therapie fang ich nicht mehr an“
-Stefan Werding- Es sind „die Mutigen der Scheuen“, die Matthias Lehmkuhl anrufen. Der Referatsleiter für „Erzieherische Hilfen“ des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe beantwortet seit einer Woche die Fragen ehemaliger Heimkinder, die die Telefone im Landesjugendamt ständig klingeln lassen. Rund 200 von ihnen wollten schon wissen, was denn jetzt ist mit den Entschädigungen für ihre Schufterei im Torf, in Fabriken oder auf Feldern.
Lehmkuhls Antwort: „Nichts.“ Es gibt keinen Schadenersatz und keine Entschädigung. Durch die Ergebnisse des Runden Tisches ist bei vielen der Eindruck entstanden, dass es für das Leid der ehemaligen Heimkinder Bares gibt. Darum wenden sich die meisten Opfer an die Hotline. Tatsächlich erhalten die Antragsteller Zuschüsse für eine Therapie oder für Krücken. Der Fonds, in den Bund, Länder und Kirchen 120 Millionen Euro gesteckt haben, finanziert vor allem Sachleistungen. Die Enttäuschung am anderen Ende der Telefonleitung ist entsprechend groß, die Reaktion häufig: „Ich lebe jetzt 40 Jahre damit. Eine Therapie fange ich jetzt auch nicht mehr an“, berichtet Matthias Lehmkuhl.
Zuschüsse könnte zum Beispiel die Anruferin bekommen, die durch die Schläge im Heim nur noch schlecht hört und ein Hörgerät braucht. Das konnte sie sich bislang nicht leisten. Grund: Die Krankenkasse hätte zwar das Gerät gezahlt, die Frau hat aber kein Geld für ihre Zuzahlung. „Wir sind gewillt, solche Begehren weiterzugeben und klären zu lassen“, meint Lehmkuhl. Er versteht den Fonds so, „dass wir in Zweifelsfragen eher ins Positive gehen“. Schließlich diene er als Ausgleich für erlittenes Unrecht. „Wir stellen die Opfer besser als gesetzlich Versicherte, weil wir deren besonderen Bedarf anerkennen“.
In Lehmkuhls Augen läuft der Kontakt mit den ehemaligen Heimkindern „friedlicher ab als erwartet“. Er erlebt „eher ein Dankeschön für seine Rückrufe und ziemlichen Frust, wenn ich sagen muss, dass es keinen Schadenersatz und Entschädigung gibt“. Menschen, denen Missbrauch, Verhöhnung und Gewalt die Biografie kaputt gemacht haben, fühlten sich veräppelt, wenn sie hören, dass es kein Geld gibt.
Einzige Ausnahme: Bei allen Heimkindern, die über 14 waren und nicht mehr zur Schule gingen, geht man heute davon aus, dass sie arbeiten mussten. Darum erhalten sie einen einmaligen Zuschuss. 170 Euro pro Monat Arbeitseinsatz sind es für damals ungelernte Jungen, 200 für ungelernte Mädchen. Wer im Heim Abi gemacht hat oder mit 13, 14 Jahren zu seinen Eltern zurückkehrte, ist dagegen gelackmeiert – unabhängig von dem erduldeten Missbrauch und der erlittenen Demütigung.
Der Verein Ehemaliger Heimkinder lehnt den Fonds und das vereinbarte Prozedere entschieden ab. „Wir boykottieren das“, sagte der stellvertretende Vorsitzende Dirk Friedrich der Nachrichtenagentur dpa. Der Verein kritisiert, dass die Betroffenen keine Entschädigung für ihr Leid erhalten. „Das sind alles Hilfsmaßnahmen.“ Hinzu komme, dass frühere Heimkinder als Voraussetzung für eine Psychotherapie beweisen müssten, dass sie unter Folgeschäden litten aus einer Heimerziehung, die 30 und mehr Jahre zurückliege. Friedrich und sein Verein wollen ihren Anspruch auf Entschädigung durch alle juristischen Ebenen geltend machen – im Zweifelsfall bis zum Menschenrechtsgerichtshof in Straßburg.- Kontakt Beratungsstelle: 0251/591-36 35
Stefan Werding
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