
Auf ein Bier in die "Möve"
Günter Döring ist der Wirt der "Möve", einer besonderen Kneipe in Berlins Gastroszene. Und der Rhedebrügger hat auch besondere Gäste.
Von Edgar Rabe
BERLIN. Akazienstraße 2, 10823 Berlin, Stadtteil Schöneberg. Für manchen Berliner ist das die erste Adresse, wenn es um gepflegte Gemütlichkeit und ein exzellent gezapftes kühles Blondes geht. Es sind die Stammgäste, die sich in der „Möve“ tummeln. Genauer gesagt: In der „Möve im Felsenkeller“, wie Günter Dörings Kneipe offiziell heißt.
In der „Möve“ sind Gäste und Wirt meist per Du. Nahezu jeden Gast, der – meist zur Feierabendzeit – den schmalen, lang gezogenen Schankraum betritt, begrüßt Döring mit Vornamen. Man kennt sich. Und Günter Döring kennt sich aus – ist ein Profi in seinem Job. Vor rund 35 Jahren kam er nach Berlin. In den 1970ern. Vom beschaulichen Rhedebrügge aus dem Schoß einer Großfamilie ging es in die Stadt mit der Mauer. „Ich war ein klassischer Bundeswehr-Flüchtling“, erzählt er, wie er sich als junger Mann gegen den Wehrdienst und für den Umzug nach Westberlin entschieden hatte. Denn Westberliner mussten damals nicht „zum Bund“.
Und seit jener Zeit ist Günter Döring auch einer der Etablierten in Berlins Gastroszene. Gemeinsam mit Freunden fing er damals an, als Wirt sein Geld zu verdienen. Kumpels aus der Heimat taten es ihm gleich. Alfred Haarhaus, den die BZ in dieser Serie bereits vorgestellt hat, war darunter und auch Heinrich Wevers. In der Naumannstraße (Kreuzberg) gab’s das „Graffiti“. Dort begann Dörings Kneipier-Karriere.
In den ersten Jahren seiner Berliner Zeit war die Arbeit am Zapfhahn aber nicht Dörings alleiniger Broterwerb. Der gelernte Technische Zeichner arbeitete noch 15 Jahre bei einem kleinen Fachbuch-Verlag, der unter anderem so genannte Pharus-Stadtpläne mit eingezeichneten mehrdimensionalen Sehenswürdigkeiten produzierte. Doch mehr und mehr wurde die Gastronomie sein Lebensmittelpunkt.
Die „Möve“ hat Döring nun seit etwa 20 Jahren. Zuvor führte der Rhedebrügger unter anderem ein Café. „Das war das Café Rampenlicht, ein großer Laden mit 120 Plätzen. Das lief super“, erinnert sich Döring an den lukrativen Ausflug in die Café-Szene. Doch eines Tages änderten sich die Besitzverhältnisse des Hauses am Kreuzberger Südstern. Die Vorstellungen des neuen Besitzers passten nicht mit Dörings überein, und so verließ er die Lokalität. Nach einem Intermezzo in Frankreich kehrte Döring in die Hauptstadt zurück und fand die „Möve“ – eher zufällig. Das altgediegene Interieur verleiht der „Möve“ ihr ureigenes Flair. Werbeschilder von Kreuzfahrtanbietern, eine Schiffsglocke am Tresen, die Sammeldose der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, die Verkaufsvitrine am Tresen... – in der „Möve“ grüßen die 1920er aus jedem Winkel des Raumes. Hinter dem Tresen steht Günter Döring, oder er bedient seine Gäste an den Tischen. Und da nehmen nicht nur „Otto-Normalberliner“ und Touristen auf Durchreise Platz. Etliche Promis sind erklärte Liebhaber der „Möve“. Sänger und Leiter des Palast Orchesters Berlin, Max Raabe, gehörte lange Zeit zu Dörings Stammgästen: „Er hat gleich hier um die Ecke gewohnt und war oft in der Möve.“ Auch der renommierte Maler Markus Lüpertz weiß die „Möve“ als gemütliches Rückzugsrefugium zu schätzen, genau so wie Jeffrey Eugenides, US-Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger („Middlesex“). „Der hat drei Jahre lang im Hinterzimmer am kleinsten Tisch gesessen und geschrieben“, erinnert sich der Wirt aus dem Münsterland gerne an den symphatischen Berliner auf Zeit. Eugenides lebte fünf Jahre lang mit seiner Familie als Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Berlin.
Daniel Brühl, Schauspieler mit katalanischen Wurzeln („Good Bye, Lenin!“, „Krabat“, „Inglourious Basterds“), lebt zeitweise in Berlin und gehört ebenso zu den prominenten Gästen der „Möve“, immer wenn er in der Stadt ist.
Weniger gute Erinnerungen hat Günter Döring an einen weiblichen Promi-Gast: „Nina Hagen hab’ ich mal rausgeschmissen.“ Sie hatte sich wohl etwas daneben benommen. Das kann Döring von Heinz und Monika Urban ganz und gar nicht behaupten. Die beiden sind der Prototyp des angenehmen Stammgastes. Das „reifere“ Paar kommt nun seit etwa 34 Jahren regelmäßig ins Lokal. Stammplatz inklusive. Die beiden hat Döring quasi als lebendes Inventar vom Vorgänger-Wirt übernommen. Mit diesem Paar ist auch die „Möve“ gealtert – und so ist auch Günter Döring in die Jahre gekommen. 58 wird der Wirt, und der Ruhestand sei bereits in Sichtweite, erzählt er. In absehbarer Zeit will er die Kneipe, die er mit seiner Frau führt, gegen sein kleines Häuschen in Frankreich nahe Bordeaux tauschen und mit ihr in wärmere Gefilde ziehen. Südfrankreich soll aber – nach derzeitigem Plan – ein Intermezzo bleiben. „Meinen Lebensabend möchte ich dort nicht verbringen“, betont Döring. Denn irgendwann komme er sicher wieder zurück nach Berlin. | Zum Thema / Zur Person
ZUM THEMA
Die „Möve“ ist eine echte Berliner Kneipe, in der der Bierausschank an erster Stelle steht. Zahlreiche Sorten gibt’s frisch vom Fass: Jever, König Pilsener, Budweiser, Fürstenberg, Köstritzer, Kelt’s, Berliner Kindl und Rothaus. Letzteres schenkte Döring übrigens als erster Wirt in Berlin aus. Das Traditions-Produkt aus Baden-Württemberg hat es ihm angetan. Eine kleine Karte bietet die „Möve“ auch. Harmonische Hausmannskost wird bevorzugt. Steckrübeneintopf und Grünkohl kommen auch in Berlin gut an. Ohne einen Vorrat an westfälischem Knochenschinken kommt Döring nicht klar. In regelmäßigen Abständen ist er in seiner alten Heimat, um einerseits den neuesten Dorftratsch zu hören, andererseits aber auch einzukaufen. Den Korn und andere Spirituosen für die „Möve“ kauft Döring beispielsweise in der kleinen Brennerei Böckenhoff in Erle ein.
Warum die „Möve“ mit „v“ anstatt mit „w“ geschrieben wird, hat rechtliche Gründe. Auf die „Möwe“ hatte ein Mitbewerber bereits einen Titelschutz erwirkt, so dass Döring die „Möwe“ nicht verwenden konnte. In einem alten Duden in Sütterlin-Schrift fand er die Schreibweise „Möve“, die seitdem dem Lokal ihren Namen gibt.
-era-
ZUR PERSON:
Günter Döring wurde 1955 als dritter Sohn seiner Familie in Rhedebrügge geboren. Er wuchs mit sieben Geschwistern und zwei Halbgeschwistern auf. Nach dem Besuch der Nünning-Realschule ging er bei Flender in Bocholt in die Lehre und lernte dort den Beruf des Technischen Zeichners. Als der Wehrdienst drohte, zog Döring nach Westberlin und begann dort seine Gastronomen-Laufbahn. 15 Jahre lang arbeitete er parallel noch bei einem Fachverlag für Spezial-Stadtpläne, bevor er sich ganz der Gastroszene widmete. -era-
Tel: 02861 944-165
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