Borken
BZ-Interview mit Historiker Thomas Ridder über Antisemitismus
28.01.2012

„Das wird man doch mal sagen dürfen...“

Ein Fünftel der Deutschen ist laut einer Studie latent antisemitisch. Dazu äußert sich im BZ-Interview Thomas Ridder. Der Historiker ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Jüdischen Museums Westfalen.

BORKEN. Ein Fünftel der Deutschen ist latent antisemitisch. Zu diesem Ergebnis kommt ein unabhängiger Expertenkreis, der von der Bundesregierung beauftragt wurde. Darüber und anlässlich des gestrigen Holocaust-Gedenktages sprach BZ-Redakteur Peter Berger mit Thomas Ridder. Der Borkener ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Jüdischen Museums Westfalen in Dorsten.

Was ist Antisemitismus?

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Ridder: Der Begriff kam in den 1870er Jahren in den allgemeinen Sprachgebrauch. Zuvor war von Antijudaismus die Rede. Gemeint waren damit die über Jahrhunderte fortwährenden Vorurteile der Christen gegenüber dem Judentum. Im Kaiserreich kam dann eine neue, politisch-nationalistisch-rassistische Form der Judenfeindlichkeit auf. Heute vereint der Begriff diese Aspekte mit der religiös motivierten Judenfeindlichkeit.

Wie äußert sich Antisemitismus in Alltag und Sprachgebrauch?

Ridder: Das ist schwer zu sagen, weil er sich ja oft latent, also verborgen, artikuliert. Die meisten dieser 20 Prozent werden wohl wissen, dass ihre Ansichten politisch ganz und gar nicht korrekt sind, und sich zurückhalten. Es ist aber festzustellen, dass inzwischen mehr Leute weniger Scheu haben, Parolen direkt kundzutun, in der Öffentlichkeit sogar unter eigenem Namen. Ich persönlich werde hellhörig bei Redewendungen wie „Das wird man doch wohl mal sagen dürfen...“ oder Ähnliches. Ich frage mich dann immer: Wo ist, bitteschön, derjenige, der das verbietet? Nirgendwo! Im Gespräch über die wehrhafte Außenpolitik Israels hört man auch schon mal den Spruch: „Schaut euch mal die Juden an, die sind auch nicht besser.“ Durch die Verknüpfung mit den Nazi-Gräueln wird diese Form der Israel-Kritik antisemitisch.

Wie erklären Sie sich das Ergebnis der Studie, wonach jeder fünfte Deutsche latent antisemitisch ist?

Ridder: Das ist leider keine neue Erkenntnis. Für Fachleute ist das Ergebnis in der Sache nicht neu. In einem Museumskatalog von uns von 1992 steht der identische Prozentsatz derer mit ausgeprägten Vorurteilen. Der Antisemit muss keinen Juden kennen, um Antisemit zu sein. Dieser Bodensatz war da und ist da.

Müssen wir hinnehmen, dass es so bleibt?

Ridder: Nein, natürlich ist das nicht hinnehmbar. Es sollte für uns alle ein Ansporn sein, weiter zu erinnern und aufzuklären. In unserem Museum spielt der Antisemitismus als Ausstellungsthema übrigens gar keine große Rolle. Wir gehen auch nicht den Weg, ausschließlich über den Holocaust zu reden, sondern wollen Verständnis wecken, indem wir ein historisch gewachsenes, lebendiges, fröhliches Judentum vorstellen und auch die Gemeinsamkeiten von Christen, Juden und Muslimen herausarbeiten. Einfühlungsvermögen lässt sich nur ohne pädagogischen Zeigefinger hervorrufen. Wir können nur aufklären und nochmals aufklären, dürfen uns aber keine falschen Hoffnungen machen.

Kommt das an?

Ridder: Bei denen, die kommen, bestimmt. Ob von diesen besagten 20 Prozent so viele den Weg ins Museum finden, bezweifle ich allerdings. Klar ist auch, dass die Schüler bei uns sind, weil sie müssen, nämlich weil es gerade Unterrichtsthema ist. Aber sie nehmen auch viele Einblicke mit. Lehrer erzählen uns später oft, dass selbst die zuvor demonstrativ Desinteressierten neu oder sogar erstmals darüber nachgedacht haben.

               

Sie gehören dem 1988 gegründeten Arbeitskreis an, der sich um die lokale jüdische Geschichte in Borken und Gemen kümmert. Mit welchen Vorbehalten hatten Sie da zu tun?

Ridder: Behindert worden sind wir nicht. Im Gegenteil: Es war damals der ausdrückliche Wunsch seitens der Stadt, anlässlich des 50. Jahrestages der Pogromnacht von 1938 die noch lebenden ehemaligen jüdischen Mitbürger einzuladen. Zum Rahmenprogramm gehörte eine kleine Ausstellung, die von einem Volkshochschulkursus erarbeitet wurde. Von den anfangs zehn sind fünf Teilnehmer übriggeblieben. Beim Weiterforschen trug uns die schöne Erinnerung an die Begegnung.

Wurde denn damals tatsächlich ein unbefangener Umgang mit der dunkelsten deutschen Vergangenheit gepflegt?

Ridder: Dass dem nicht so war, lässt sich an Kleinigkeiten ermessen. Ich erinnere mich an ein Foto vom Borkener Schützenfest aus den 30er Jahren, das wir ausfindig gemacht haben. Im Mittelpunkt das Königspaar, seitlich zu sehen der so genannte Stürmer-Kasten, in dem die gleichnamige Hetzschrift ausgehängt war. “ Die Nachfahren des Königspaars haben uns dann gebeten, das Paar vom Foto abzuschneiden, weil der heutige Betrachter eine Verbindung zu den Nazis herstellen könnte. Die war aber faktisch nicht gegeben. In einem anderen Fall ging es um eine Denunzierung in Weseke. Um keine Scherereien zu bekommen, haben wir den Namen des Denunzianten geschwärzt.

Gab es denn nie eine Intervention noch lebender NS-Anhänger oder deren Nachfahren?

Ridder: Da wir uns bei unseren Publikationen in erster Linie mit den Schicksalen der jüdischen Bürger befasst haben und auch die Geschichte mehr aus einer jüdischen Perspektive erzählt haben, tauchten zwangsläufig kaum Namen von NS-Anhängern auf, und wenn, dann waren es die allseits auch in Borken bereits bekannten Funktionäre. Es gab daher keine Interventionen.

Die wenigen Zeitzeugen, die es noch gibt, sind hochbetagt. In wenigen Jahren wird es keine mehr geben. Wie soll es mit dem Erinnern weitergehen?

Ridder: Jede Todesnachricht ist eine traurige Nachricht. Ein Vergessen befürchte ich aber nicht. Das Erinnern darf sich nicht erschöpfen im ritualisierten Gedenken an den entsprechenden Jahrestagen. Vieles von dem, was Zeitzeugen geäußert haben, ist inzwischen visualisiert, dokumentiert und im Internet abrufbar. Ich war überrascht, als ich in der Datenbank der Stiftung von Steven Spielberg entdeckte, dass dort auch Interviews mit zwei Borkenern, Herbert Jonas und Herbert Klaber, hinterlegt waren. Eines steht unweigerlich fest: Nachfolgende Generationen müssen auf Erinnerung in Konservenform zurückgreifen.

Autor: Peter Berger
Tel: 02861 944-163

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