Rheine. Er klettert mitten durchs Publikum, von Stuhlreihe zu Stuhlreihe bis auf die Bühne, entnimmt seinem Rucksack das bekannte gelbe Reclam-Heftchen, freut sich, dass so viele Schüler im Publikum sitzen, und gibt sich cool als „Chef-Rocker of Sturm und Drang“. Die Aufführung des Goetheschen Briefromans „Die Leiden des jungen Werthers“, am Donnerstag im Rahmen des Ring B, wollte und konnte beweisen, wie jung der „Werther“ ist, wie aktuell sein Ruf nach Freiheit ist und wie fatal die gesellschaftlichen Konventionen sich gerade der Jugend entgegenstellen.
Aber diese zielgruppenbezogene Anfangsszene ließ noch nicht ahnen, was für ein explosiver Theaterabend die fast ausverkaufte Stadthalle erleben würde. Dem Regisseur Gero Vierhuff ist es gelungen, den Briefroman formal und intentional hervorragend dramatisiert zu haben. Das Publikum wurde angesprochen und in alle Denkprozesse Werthers einbezogen, es kam an die Stelle des fiktiven Adressaten Wilhelm in Goethes Briefroman. Damit war das Mit-Leiden an der Seelenqual des jungen Werther erreicht: Tränenergüsse über oder gar Nachahmung des Selbstmordes? Keines von beiden, „Trost“ solle der Leser aus dieser Geschichte ziehen, schrieb Goethe 1774, „don’t try this at home!“ heißt es in der Sprache des jungen Bühnen-Werther. Dieses Schauspielersolo, das das Jungsein zum Thema machte, vereinte die Sprache der Jugend von einst und jetzt.