„Chief-Rocker of Sturm und Drang“

Werther (Moritz Nikolaus Koch) kommt in der Amtsstube nicht zurecht.
Werther (Moritz Nikolaus Koch) kommt in der Amtsstube nicht zurecht.
(Foto: Winter)


Rheine. Er klettert mitten durchs Publikum, von Stuhlreihe zu Stuhlreihe bis auf die Bühne, entnimmt seinem Rucksack das bekannte gelbe Reclam-Heftchen, freut sich, dass so viele Schüler im Publikum sitzen, und gibt sich cool als „Chef-Rocker of Sturm und Drang“. Die Aufführung des Goetheschen Briefromans „Die Leiden des jungen Werthers“, am Donnerstag im Rahmen des Ring B, wollte und konnte beweisen, wie jung der „Werther“ ist, wie aktuell sein Ruf nach Freiheit ist und wie fatal die gesellschaftlichen Konventionen sich gerade der Jugend entgegenstellen.

Aber diese zielgruppenbezogene Anfangsszene ließ noch nicht ahnen, was für ein explosiver Theaterabend die fast ausverkaufte Stadthalle erleben würde. Dem Regisseur Gero Vierhuff ist es gelungen, den Briefroman formal und intentional hervorragend dramatisiert zu haben. Das Publikum wurde angesprochen und in alle Denkprozesse Werthers einbezogen, es kam an die Stelle des fiktiven Adressaten Wilhelm in Goethes Briefroman. Damit war das Mit-Leiden an der Seelenqual des jungen Werther erreicht: Tränenergüsse über oder gar Nachahmung des Selbstmordes? Keines von beiden, „Trost“ solle der Leser aus dieser Geschichte ziehen, schrieb Goethe 1774, „don’t try this at home!“ heißt es in der Sprache des jungen Bühnen-Werther. Dieses Schauspielersolo, das das Jungsein zum Thema machte, vereinte die Sprache der Jugend von einst und jetzt.

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Das Bühnenbild und die Requisiten sind aufs Notwendigste reduziert, sie richten das Ohr auf den grandiosen Text. Es ist der Textfassung (Gero Vierhuff) gelungen, die moderne Sprache, die dem Schauspieler Moritz Nikolaus Koch zur (fast) freien Improvisation gegeben wurde, unmerklich in die Formulierungen Goethes hineinlaufen zu lassen. „Freunde, wisst Ihr eigentlich, was Lotte für ein Typ ist?“, und mit der Beschreibung von „schön“ bis „göttlich“ für diesen „Engel des Himmels“ geht Werther in den faszinierend schönen Original-Ton über.

Nikolaus Moritz Koch gelang die Aufmerksamkeitszentrierung, die „Fokussierung“ des Publikums auf seine Person und seine Sprache. Mal zeigte er sich philosophierend zurückgelehnt in tiefer Besinnlichkeit, dann wieder jauchzend in Liebesschwärmerei, mal hilflos steif im beruflichen Anspruch und dann selbstzerstörerisch im tiefen Schmerz. Koch bot eine schauspielerische Meisterleistung seiner „zwei Seelen in der Brust“: Im vorwärtsdrängenden Disco-Beat war er des Glückes übervoll, er hatte Lotte getroffen, „ich will lechzen, ich will schmachten!“ Nach der Heirat Lottes mit Albert verdunkelte sich für Werther (auch auf der Bühne) das Lebens-Licht, die „Krankheit zum Tode“ brach aus.

Absolute Stille herrschte im Zuschauerraum, als Koch den Dialog zwischen dem unglücklichen Werther und dem „Spitzentyp“ Albert über den Selbstmord halbszenisch vortrug. Eine Kinderstimme aus dem Off sagte die letzten Worte des fiktiven Herausgebers des Briefromans.

Nach einer längeren Zeit der inneren Betroffenheit stand das Publikum von seinen Plätzen auf und applaudierte langanhaltend einem Theaterspiel, das aktueller und besser nicht sein konnte.

VON INGMAR WINTER

05 · 02 · 10



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