Reckenfeld - Die Junisonne taucht den Wintergarten in warme Farben, durch die Fenster ist ein üppig blühender Staudengarten zu sehen. Am Tisch mit der bunt gestreiften Decke sitzen zwei Männer über alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen gebeugt. Sie sind vertieft in eine Vergangenheit, eine gemeinsame Kindheit, die 50 Jahre zurück liegt und sie doch bis heute nicht los lässt. Während sie erzählen - mal leise und zurückhaltend, dann wieder so erregt, dass sie sich gegenseitig ins Wort fallen - tauchen immer wieder Tränen in ihren Augen auf, die sie sofort verstohlen wegwischen. „Es tut einfach weh, wenn die Ereignisse wieder so nah sind“, versucht Alfred K. (Namen von der Redaktion geändert) zu erklären. Er und sein Freund kamen beide bereits als Kleinkinder ins „Haus Sonnenschein“, ein Kinderheim in Rheine-Bentlage. „Das war kein Waisenhaus, wir hatten ja Eltern“, erläutert Herbert Z., „aber damals war ein uneheliches Kind noch eine gesellschaftliche Katastrophe.“ Wer seine Mutter war, erfuhr er nur durch Zufall. „Mit 14 Jahren sollte ich alleine zum Zahnarzt gehen. Auf dem Krankenschein, den man mir mitgab, stand der Name einer Frau. So habe ich den Namen meiner Mutter erfahren.“
Geleitet wurde das Kinderheim „Sonnenschein“ von Nonnen. „Mägde Mariens hießen die“, erinnert sich Herbert Z. Christliche Nächstenliebe hätten sie von ihnen allerdings nicht erfahren. „Wir wussten gar nicht, was Liebe ist“, sagen sie fast im Chor. Und man spürt, dass sie das auch genauso meinen. Statt Zuwendung und Geborgenheit waren unbedingter Gehorsam und Prügelstrafen an der Tagesordnung. „Ganz schlimm waren die Kinder dran, die nachts ihre Betten einnässten“, erzählt Alfred K. „Morgen für Morgen wurden sie nach dem Aufstehen mit dem Stock geschlagen, immer auf den nackten Po.“ Einmal habe er sich ein Herz gefasst und der Nonne den Stock aus den Fingern gerissen. „Dafür habe ich aber bitter büßen müssen.“
Doch es gab auch viele andere „Vergehen“, die mit Prügel geahndet wurden. „Wer zu spät aus der Schule kam, wer unerlaubt das Gelände verließ, wer beim Essen nicht artig war - immer gab es Schläge mit dem Stock“, zählt Herbert Z. auf. Wie groß seine Angst vor einer Bestrafung war, davon zeugt noch heute eine lange Narbe am Unterarm des Reckenfelders. „Ich bin beim Spielen durch eine geschlossene Glastür gerannt und hab mir dabei den Arm aufgeschlitzt.“ Aus Angst verheimlichte er die blutende Wunde und ging damit zur Schule. Als er von dort wieder zurück geschickt wurde, gab es erst einmal eine Tracht Prügel, bevor die Schwester die Wunde entdeckte und man ihn ins Krankenhaus brachte. „Nach außen sollte das Bild ja gewahrt bleiben. Wer zum Beispiel sichtbare blaue Flecken hatte, durfte nicht in die Schule gehen. Und wenn mal Besuch im Heim war, herrschte plötzlich eitler Friede“, erinnert sich Herbert Z. voller Bitterkeit.
Und dann erzählen sie von ihrem ganz speziellen Nikolausfest im Heim. „Wenn Knecht Ruprecht kam, haben wir versucht uns zu verstecken.“ Denn Knecht Ruprecht drohte nicht nur mit der Rute, er benutzte sie auch - und zwar so sehr, dass selbst Möbel und Türen zu Bruch gingen, weil die Kinder panisch zu flüchten versuchten. „Einmal bin ich sogar aus dem Fenster geklettert und hab mich auf dem Sims festgehalten“, erzählt Herbert Z. beinahe stolz.Ganz anders sei da das Nikolausfest bei den Soldaten gewesen. „Es gab eine Kaserne in der Nähe, mit der eine Art Patenschaft existierte. Die Soldaten haben uns jedes Jahr eingeladen und uns Geschenke gekauft. Wir durften sogar Wunschzettel schreiben.“ Doch die Freude währte nicht lange. Zurück im Heim waren die geliebten Stofftiere und Spielzeugautos schon wenige Tage später wieder verschwunden. Wo sie denn hingekommen seien, all die Weihnachtsgeschenke jedes Jahr? „Auf den Boden wurden sie weggeschlossen. Manchmal haben wir heimlich den Schlüssel genommen und sie uns angeschaut.“