Billerbeck. Das Thema traf offenbar ins Schwarze. Der Saal in der Alten Landwirtschaftsschule in Billerbeck war am Mittwochabend bis auf den letzten Platz gefüllt, als drei Experten auf Einladung der Bürgerinitiative für die Werterhaltung der Region Billerbeck (BIB), die sich unter anderem gegen Hähnchengroßmastanlagen wendet, über industrielle Massentierhaltung aus christlicher und moralisch-ethischer Sicht diskutierten. "Wie viel Fleisch erträgt die Welt?" lautete die Frage. Die drei Podiumsteilnehmer Dr. Rainer Hagencord (Gründer und Leiter des Instituts für Theologische Zoologie der Uni Münster), Dr. Rudolf Buntzel (Beauftragter für Welternährungsfragen des Evangelischen Entwicklungsdienstes) und Claudia Leibrock (Fachfrau für Agrarpolitik und Landsoziologie), die von Bernd Müller (Referent am Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen) befragt wurden, waren sich einig, dass das Maß des Erträglichen bereits übervoll ist, der Fleisch-Kollaps gleich dreifach droht: bei der menschlichen Ernährung, beim Tierschutz und beim Klima.
Der katholische Theologe Hagencord musste erst einmal erklären, was Theologische Zoologie überhaupt ist: "In der jüdisch-christlichen Überlieferung kommt dem Tier selbstverständlich eine kreative Würde zu, weil Mensch und Tier radikal aufeinander bezogene und voneinander abhängige Geschöpfe und Partner Gottes innerhalb eines Bundes sind", sagte er. Er stellte klar, dass nur der Mensch Verantwortung für die Schöpfung übernehmen könne und müsse.
Buntzel, Autor des Buches "Das globale Huhn", ging vor allem auf das weltweite Leid der Hühner ein: Heutzutage sei kein Tier so globalisiert und industrialisiert worden wie dieses: "Die größten Verbraucher sind die Brasilianer. Dort gibt es Anlagen mit einer Million Hühnern und mehr." Sie müssten dafür 150 Millionen Tonnen Soja pro Jahr importieren. Die Bauern, unterstrich er, seien "das letzte Glied in der Kette": "Durch Knebelverträge sind sie an die Konzerne gebunden, mit strengen Vorgaben bei der Aufzucht der Hühner."
Leibrock beleuchtete das Thema vor dem Hintergrund der "Erfolgsgeschichte" der Landwirtschaft: "Ihre Produktivität ist in Deutschland in den letzten 17 Jahren um 86 % gestiegen." Das Fleisch habe einen Anteil von rund einem Viertel an der gesamten landwirtschaftlichen Erzeugung. Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland: 53 kg vom Schwein, 12 kg Rind und 18 kg Geflügel. Leibrock: "Wir essen zu viel Fleisch." Und das sei auch für das Klima ein Problem, denn die Fleischproduktion, legte sie die Finger in die Wunde, sei extrem klimaschädlich. Sie empfahl für eine gesunde Ernährung und auch als Klimaschutzmaßnahme den guten alten Sonntagsbraten mit maximal 300 Gramm pro Person in der Woche.
In der anschließenden Diskussion wurde Leibrock gefragt, wie man Massentierhaltung definiere. Sie antwortete, dass bei den derzeit geltenden Verordnungen sei eine "artgerechte Haltung nicht mehr möglich" sei. Es komme nicht auf die Menge der Tiere an, sondern auf die Art und Weise, wie sie gehalten werden. Dr. Buntzel stimmte Frau Leibrock zu, dass man durch Reduzierung des Fleischkonsums zu artgerechterer Tierhaltung kommen könne. Großen Beifall gab es beim Zuruf aus dem Publikum: "Wir müssen herunter von der Massentierhaltung!"