Nach 47 Jahren die Mutter gefunden

Rosalie Dütting mit ihrer Mutter Ruth Margot Bartel. die sie erst vor eineinhalb Jahren wiedersah.
(Fotos: Privat)
Von Frank Liebetanz
Groß Reken. Rosalie Dütting (51) erzählt aus ihrem Leben und aus dem ihrer nächsten Verwandten - und es klingt, als wäre es aus einem Film. Unglaublich, was die Groß Rekenerin von klein auf erlebt und vor kurzem erfahren hat. Es ist noch gar nicht lange her, da stand sie nach mehr als 47 Jahren, fast nach ihrem ganzen bisherigen Leben ihrer leiblichen Mutter wieder gegenüber.

Ruth Margot Bartel als junge Frau
(Fotos: Privat)
Rosalie Dütting hat sich im vergangenen Jahr auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter gemacht. Das fiel ihr wirklich schwer, denn nachdem sie im Alter von zweieinhalb Jahren aus einem Kinderheim in Osnabrück heraus adoptiert worden war, war sie in einer „recht intakten Familie“ groß geworden. Allerdings hat sie wohl doch irgendwie gefühlt, dass nicht alles so ist, wie es sein sollte.
Ihre Adoptiveltern verschwiegen dem Mädchen, dass es nicht ihr leibliches Kind war. Im Alter von zehn oder elf Jahren schnappte es etwas auf. Mit 13 Jahren traute es sich und „spionierte“ mit einer guten Freundin herum. Sie fanden in einem stets verschlossenen Sekretär eine vergilbte Geburtsurkunde, die Rosalie als Tochter einer Ruth Margot Bartel auswies.
Dieses Wissen behielt das Mädchen lange für sich - auch wenn sie sich irgendwann nicht mehr an den genauen Namen erinnern konnte. Rosalie Dütting fragte sich aber, warum ihre Mutter sich ihr gegenüber nicht offenbarte. Der Adoptivvater war verstorben, als die Adoptivtochter 14 Jahre alt war.
Rosalie, mittlerweile eine junge Frau mit 20 Jahren und Schwesternschülerin, erfuhr plötzlich an einem Ostersonntag von ihrer Adoptivmutter, dass man sie aus dem Kinderheim geholt habe.
Rosalie Düttings Reaktion: „Ich war sehr verletzt, dass sie es erst so spät sagte.“ Sie vermutet, dass Angst vor Liebesverlust eine große Rolle gespielt hat. Es bringe Unglück, nach der leiblichen Mutter zu suchen: Diese Meinung vertrat die Adoptivmutter, die mittlerweile verstorben ist, ihrer Tochter gegenüber. Und die heutige Groß Rekenerin folgte ihr.
Erst als Rosalie Düttings Sohn Werner vor eineinhalb Jahren nach China ging, fand sie im Reisepass das einzige alte Bild ihrer leiblichen Mutter wieder, das sie hatte. Sie nahm dies als ein Zeichen, und nachdem die Adoptivmutter gestorben war, sah sie sich auch in der Lage, ihre richtige Mutter zu suchen.
Über das Niedersächsische Staatsarchiv fand Rosalie Dütting heraus, dass ihre Mutter Margot Ruth Bartel heißt und am 20. März 1939 geboren wurde. Nun schrieb die Tochter alle Standesämter in Osnabrück sowie in den Vororten Groß Dreele und Gehrde an und bat um Informationen.
„Das war ein Erlebnis wie ein Sechser im Lotto“,
sagt Rosalie Dütting
Ein ehrenamtlicher Bürgermeister kannte tatsächlich ihre Mutter, die früher seine Nachbarin gewesen war. Und er meinte auch zu wissen, dass der Onkel Rosalie Düttings in Osnabrück wohne. Über ihn erfuhr der Standesbeamte Adresse und Telefonnummer der Mutter.
Heute lebt Düttings Mutter in Bremen. Als die Tochter ihre Stimme am Telefon hörte, kam sie ihr sofort bekannt vor. Tochter und Mutter, die nach dem Anruf nachmittags dreimal auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte, sprachen am selben Abend sogleich zwei Stunden miteinander. Wie sich später herausstellte, hatte die Mutter damals täglich nach der Arbeit ihr Töchterchen im Heim besucht. Der Vater hatte die Kosten übernommen.
Rosalie Dütting erfuhr unter anderem - manche Details sollen nicht in der Zeitung stehen - folgendes: Ihre Mutter hatte damals mit 19 Jahren ihre Tochter unehelich geboren und es aus finanziellen Gründen ins Heim gegeben. Der Vater starb kurz nach der Adoption. Ihre Mutter heiratete später, bekam zwei weitere Kinder. Rosalie Dütting hat einen Halbbruder und eine Halbschwester.
Ruth Margot Bartel ist mit 46 Jahren Witwe geworden, hat dann später einen Lebensgefährten gefunden; sie zog mit ihm und mit den Kindern nach Bremen. Rosalie Dütting hat sich sehr gefreut, wie der Partner ihrer Mutter auf sie reagierte: „Schade, dass wir uns nicht eher kennen gelernt haben.“ Bei dieser Lebensgeschichte kann man erahnen, was das für Rosalie Dütting bedeutet.
In den nächsten Tagen soll gemeinsam der 70. Geburtstag der Mutter gefeiert werden. Dann wird auch der Rest der Familie erfahren, dass es engste Verwandte in Reken gibt.