Von Edgar Rabe
Raesfeld. Als um 20.16 Uhr der erste Wirbel von der großen Kesselpauke erklang, machte die Sonne sich an die Arbeit dem Horizont entgegen zu laufen. Im Zuschauerraum vor der großen Bühne saßen gut 2000 Menschen und lauschten der Philharmonie der Nationen unter der Leitung von Justus Frantz. Die gut 70 Musiker aus aller Herren Länder boten die Tannhäuser-Ouvertüre als Einstieg. Was in Bayreuth funktioniert, begeisterte auch in Raesfeld an diesem lauen Sommerabend. Festivalatmosphäre, wie sie schöner kaum sein kann. Nahezu lautlos war es unten im Parkett, als die Violinen - einem kurzen Antritt im Galopp gleich - die Hörner kurz in die Schranken wiesen, um ihnen gleich wieder die voluminöse Vorherrschaft auf der Bühne zu überlassen. Schon im Entree des Auftaktkonzerts des dreitägigen Klassik-Festival war diese ergreifende Dynamik zu spüren, die nicht nur dem Wagnerschen Werk inne wohnt. Jene Dynamik, die keinen Konzertsaal mit ausgefeiltester Akustik braucht, um beim Publikum anzukommen. Freiluft-Musikgenuss von einer wunderbaren Seite, die nicht nur den eingefleischten Klassikfreund und erfahrenen Konzertgänger erfreut.
Gestern hat Raesfeld erneut bewiesen, dass es seinen Platz in der Klassikszene weiter festigt. Nicht allein deshalb, weil wieder einmal viele Raesfelder und Erler Bürger an einem Strang gezogen haben und mit unkomplizierter und westfälisch gründlicher Zusammenarbeit ein solches Festival gestemmt haben. Unter der Intendanz von Dirk Klapsing und mit Unterstützung einer international erfahrenen Crew aus Management, Ton- und Bühnentechnik sowie Eventprofis um Produzent Wolfgang Sabrowsky. Diese typisch Raesfelder Art hatten in ihrer Begrüßung auch Bürgermeister Andreas Grotendorst und Intendant Dirk Klapsing betont. Der Festivalchef bedankte sich zudem bei der Vielzahl der Sponsoren, ohne deren Unterstützung ein solches Festival im Schatten des Wasserschlosses nicht zustande käme. Sein Dank galt aber vor allem dem Publikum, das auch im Jahr Zwei dem Festival die Treue hielt beziehungsweise es neu entdeckt hat. „Wir konnten die Besucherzahlen aus dem Vergangenen Jahr sogar noch etwas toppen“, zeigte sich Klapsing mit der Resonanz auf den ersten Abend sehr zufrieden.
Das Flair des Festivalgeländes hatte gegenüber der Premiere 2009 noch gewonnen. Das lag sicherlich auch daran, das der Zuschauerraum diesmal rundherum von Pagodenzelten und der „Genuss“-Meile umrahmt war. Das herrliche Sommerwetter tat sein Übriges dazu - und natürlich der Solist des Abends.
Hoch konzentriert stand Nikolai Tokarev kurz vor seinem Auftritt an der ersten Stufe des Bühnenaufgangs. Die Augen geschlossen - dreimal atmete er tief durch. Dann ein Blick zu Justus Frantz, und der junge russische Pianist betrat seine Bühne. Wenige Sekunden später klang Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 über die „musik:landschaft westfalen“ hinweg. Tokarevs brillantes Spiel war der erste Höhepunk´t einer „Last Night of the Proms“, die mit einem nicht angekündigten Feuerwerk und einem Mitternachtskonzert noch zwei Überraschungen parat hielt. Klassik am Wasserschloss. Da konnte gestern mancher sagen: „Danke Maestro, danke Nikolai!“
Am Samstagabend treten die Berliner Symphoniker ab 20 Uhr auf. Der Sonntag beginnt mit einem westfälischen Frühstück und steht ganz im Zeichen deines Musikfestes mit einem abwechslungsreichen Open-air-Programm für die ganze Familie.