Gefahr für Förderschulen - NRW reagiert mit Kompetenzzentren

Ein Kind wird in der münsterischen LWL-Förderschule für körperliche Entwicklung unterrichtet. Von den knapp 2,8 Millionen Schülern in NRW werden rund 125 000 in Förderschulen sonderpädagogisch gefördert.Fotos:
Ein Kind wird in der münsterischen LWL-Förderschule für körperliche Entwicklung unterrichtet. Von den knapp 2,8 Millionen Schülern in NRW werden rund 125 000 in Förderschulen sonderpädagogisch gefördert.Fotos:
(Jürgen Peperhowe)


Münster - Drei Jahre ist es inzwischen her, da verabschiedeten die Vereinten Nationen in New York eine Konvention über die Rechte von Behinderten. Das klingt zunächst einmal gut. Im Frühjahr hat die Bundesregierung das Abkommen ratifiziert und sich damit verpflichtet, ein „integratives Bildungssystem“ aufzubauen. Und auf einmal sind es nicht nur die Auguren und üblichen Verdächtigen, die einen Abgesang auf die Förderschulen an­stimmen.

„Dass die demnächst aufgelöst werden, ist nach meinem Dafürhalten jedoch eher unwahrscheinlich“, sagt der für die insgesamt 14 Förderschulen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) verantwortliche Dezernent Hans Meyer.


In einer Art Vorwärtsverteidigung hat NRW auf die Konvention reagiert und in einem Pilotprojekt 30 Kompetenzzentren ins Leben gerufen. Dahinter verbergen sich Förderschulen, die in ihrem Einzugsbereich Regelschulen in puncto integrativen Unterricht beraten und so die sonderpädagogische Förderung in den allgemeinen Schulen verbessern helfen wollen. Die Zahl der Beraterschulen soll nun auf 50 aufgestockt werden.

War der LWL anfangs mit seiner Schule für sehbehinderte Kinder in Bielefeld daran beteiligt, hat er sich in der zweiten Phase mit seiner münsterischen Förderschule für körperliche Entwicklung beworben. „Ende No­vember wird entschieden, welche Schule in den erweiterten Kreis der Kompetenzzentren aufgenommen werden“, erklärte ein Sprecher des NRW-Schulministeriums auf Nachfrage.

Anders als in skandinavischen Ländern, wo fast 90 Prozent aller lern-, körper-, oder geistig behinderten Kinder gemeinsam mit Nicht-Behinderten in der regulären Schulen un­terrichtet werde, sind es in Deutschland nur 16 Prozent. Fast eine halbe Million Kinder und Jugendliche werden hierzulande sonderpädagogisch gefördert.

An diesem Punkt grätscht nun die UN-Konvention normativ ins System, indem sie die Vertragsstaaten verpflichtet, „ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen zu gewährleisten“ - und zugleich die Rechte der Eltern stärkt, die für ihr behindertes Kind einen Platz in der Regelschule einfordern.

Natürlich sagt Hans Meyer, der LWL-Dezernent, zu alldem nicht Nein. Integration ist für ihn keine Worthülse. Dennoch betont er stets das Wörtchen „aber“. „Natürlich wäre es gut, wenn möglichst viele Kinder mit Behinderungen an Regelschulen unterrichtet würden - „aber in vielen Fällen geht das eben nicht“.

Schulen für Hörbehinderte, die auf besondere Weise schallisoliert sein müssen; Gebäude, die auf die Bedürfnisse Körperbehinderter ausgerichtet sind; verhaltensauffällige Kinder, die individuell betreut werden müssen: „Die Regelschulen derart auszustatten, dass sie all dies bieten, ist nicht leistbar“, sagt Annette Traud, Referatsleiterin Schulen beim LWL. Und meint damit nicht finanzierbar.

Gleichwohl: Die Konventi­on und Reaktion haben für Dezernent Meyer grundsätzlich etwas Positives: „Wir gucken wieder mehr hin.“

VON ELMAR RIES, MÜNSTER

25 · 11 · 09



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