Als die Kulturhauptstadt das Auftaktfest feierte und der Schnee rieselte, präsentierte Herbert Grönemeyer seine eigentümliche Hymne auf das Ruhrgebiet. Foto: dpa
Münster - Ach Herbert! Wer von klarer off´ner Natur ist, wer das Gefühl hat, dass ein raues Wort ihn trägt, kurz: Wer so ist, wie Grönemeyer in seiner Ruhr-Hymne den Ruhrgebietsmenschen beschreibt, der darf dem Dichter wohl die Frage stellen: Wat haste Dir denn da zusammengereimt?
Dass Herbert Grönemeyer, der in Göttingen geboren wurde, eine Hymne für die Kulturhauptstadt 2010 schreiben durfte, geht schon in Ordnung: Er ist in Bochum aufgewachsen, hat dort am Schauspielhaus gearbeitet und Gerüchten zufolge sogar am musikwissenschaftlichen Institut studiert. Seine Hymne auf diese Stadt aus dem Album „4630 Bochum“ schließlich ist gewiss einer der schönsten deutschen Popsongs, schon aufgrund der Eingangsworte „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt“. Auch wenn sich in einem Internetforum Bedenken gegen die steuerfinanzierte Auftragsvergabe finden: „Einem steinreichen, ausgerechnet seit Jahren im Ausland lebenden Popstar wie Herbert Grönemeyer noch mehr Geld in die Taschen zu scheffeln, müsste man kritisieren.“
Aber jetzt dieser neue Text! „Wo ein raues Wort dich trägt“: Das ist noch originell und sicherlich auch schön, das passt. Aber „Weil dich hier kein Schaum erschlägt“: Das ist schon wieder mehr als originell, denn wen hätte je irgendein Schaum erschlagen? Und die Zeilen „Wo man nicht dem Schein erliegt / Weil man nur auf Sein was gibt“ sind etwas dick aufgetragen, benutzen ein Klischee, das man sich anheftet, wenn man sich selbst nicht kritisch sieht. Aber gut, ist ja eine Hymne, ein Lob- und Preisgesang.
Doch dann wird´s heftig: „Wo man gleich den Kern benennt / Und das Kind beim Namen kennt“: Als Mensch, der eine direkte Sprache liebt und sich nicht in Floskeln flüchtet, ist man doch froh darüber, dass die deutsche Sprache das schöne Bild von einem bereithält, der „das Kind beim Namen nennt“ - und dann kommt Grönemeyer und macht daraus ein „kennt“, weil er „nennt“ schon in der Zeile zuvor verbraucht hat. Jemand, der das Kind beim Namen nennt, ist einer, der sagt, was Sache ist - also das, was man dem „Ruhri“ wohlwollend unterstellt. Der das Kind beim Namen kennt jedoch ist jeder, der das Kind eben kennt, sei es der liebe Opa, der nette Nachbar, der strenge Lehrer. Was hat das mit dem Ruhrgebiet und seinen Menschen zu tun?
Ist ja richtig, Herbert Grönemeyer war immer schon ein Poet ganz eigener Art. „Männer führen Kriege, Männer sind schon als Baby blau, Männer rauchen Pfeife, Männer sind furchtbar schlau“ sang er einst und brachte Klischees und Wahrheiten zum Tanzen. Wenn er allerdings dichtete „Sein Pyjama liegt in meinem Bett, sein Kamm in meiner Bürste steckt“ geriet er in gefährliche Nähe zu Marius Müller-Westernhagen. Zu Grönemeyers Lyrik sagte schon Michael Lentz im Vorwort des Text-Buchs aus dem Verlag Schirmer / Mosel: „Dann schreibt und singt er eine schöne, dem Deutschen verwandte Sprache.“
Grönemeyer hat bisweilen Bemerkenswertes geschrieben. Zeilen wie „Du hat jeden Raum mit Sonne geflutet, hast jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt“ sind Pop-Kunst auf kleinstem Raum. Und wenn er über Bochum singt „Du hast´n Pulsschlag aus Stahl, man hört ihn laut in der Nacht“ und dazu die E-Gitarre reintönt, bekommen nicht nur Bochumer eine Gänsehaut. Auch in der neuen Hymne gibt es schöne Stellen: „Schnörkellos ballverliebt wetterfest und schlicht / Geradeaus, warm, treu und laut“ - damit kann man sich zwischen Wattenscheid und Wanne-Eickel durchaus identifizieren, da nimmt man sogar das „schlicht“ in Kauf. Wenn er nicht gleich wieder so einen Unsinn singen würde: „Hier das Leben, da der Mensch“ - Mensch Herbert, das muss doch nicht sein!
Und die Musik der Hymne? „Doof“, sagen die einen, „toll“ finden´s die anderen. Tatsache ist, dass Grönemeyer holzschnittartige Mittel verwendet, die er sehr effektiv einsetzt und damit die Aufgabe hundertprozentig erfüllt: Die Orchestereinleitung bedient alte Klassik-Rock-Erwartungen, der sofort einsetzende Refrain manifestiert erdverbunden die Grundtonart, und Grönemeyers Gesang wird von (Bergmanns-Chor?)-Stimmen dezent begleitet und ist so tief angesetzt, dass er - natürlich! - bei der zweiten Wiederholung eine Oktave höher erkling: Hymnische Steigerung nennt man das. Zwei kontrastierende Strophen sind eingefügt, die nach bewährtem Vorbild nur kleine Unterbrechungen der Hauptsache bilden, und die Beethoven-Assoziationen mit Chor und Orchester sind nun wahrlich kein Zufall: Freude! heißt das heimliche Motto.