Integration in Deutschland: Multikulti? Geht doch!

Man kommt sich näher. Die Integrationsprobleme zwischen Deutschen und Türken scheinen vergessen, wenn deutsche Nationalspieler Namen wie Mesut Özil tragen. Foto:
Man kommt sich näher. Die Integrationsprobleme zwischen Deutschen und Türken scheinen vergessen, wenn deutsche Nationalspieler Namen wie Mesut Özil tragen. Foto:
(Maximilian Fitting)


Münster - Die deutsche Fußball-Nationalelf machts möglich: Multikulti? Geht doch, und sogar erfolgreich! Neben Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger und Manuel Neuer kicken Mesut Özil, Jerome Boateng und Sami Khedira, Spieler mit Wurzeln in der Türkei, in Ghana und Tunesien. Mehr Zuwanderungsgeschichte gab es noch nie! Der Erfolg dieser Mannschaft, von der die Hälfte der Spieler eingewandert ist, lässt Integrationsprobleme vergessen.

Özil, der Türke, rezitiert vor jedem Spiel Koranverse. „Der Brasilianer Cacau sowie die in Polen geborenen Klose und Podolski sind die Helden dieses neuen Deutschlands, das mehr und mehr multikulti ist“, jubelt die französische Zeitung „Le Figaro“. Plötzlich ist es positiv, dass fast jeder fünfte Einwohner einen Migrationshintergrund hat.


„Die Fußballer mit Migrationshintergrund sind Vorbilder, sodass sich auch der türkische Döner-Verkäufer aus Gelsenkirchen plötzlich anerkannter und zu Hause fühlt“, sagt der Freiburger Sportsoziologe Diethelm Blecking. Neonazis werde das Wasser abgegraben, wenn Türken plötzlich deutsche Flaggen schwingen: „Integration gelingt, wenn beide Seiten angesichts eines großen Ziels Mut zeigen, ihre Ängste voreinander abzubauen.“

Ganz neu ist das Phänomen aber auch nicht. Fußball war immer ein Schmelztiegel. Polnischstämmige Spieler kickten bei Schalke 04 und Borussia Dortmund. Der „Pott“ war immer multikulturell und schon in der Weltmeistertruppe von 1954 gab es mit Jupp Posipal einen Verteidiger aus dem rumänischen Banat. Und dass die Essener Fußball-Ikone Willi „Ente“ Lippens niederländischer Staatsbürger ist, wissen nur Eingeweihte.

Ist der Fußball also Vorbild für die Nation? Wird hier positiv vorgemacht, was im echten Leben oft schiefgeht? Vielleicht ist die deutsche Gesellschaft weiter als oft angenommen. Immerhin gibt es mit David McAllister einen Ministerpräsidenten mit doppelter Staatsangehörigkeit, mit Aygul Özkan in Niedersachsen die erste Ministerin muslimischen Glaubens und mit Christian Wulff einen Bundespräsidenten, der keine Probleme hat, von Deutschland als einer „bunten“ Republik zu sprechen.

Ausländische Besucher reiben sich die Augen, wenn sie sehen, wie vielfältig die Bevölkerung ist. Der Sport und der Fußball reflektieren nur die fundamentale Veränderung, die Deutschland als Einwanderungsland seit den 1950er Jahren durchgemacht hat. Wenn der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration jüngst in seinem Gutachten der Integration die Note 2- gibt, zeigt das, dass unser Land weiter ist, als viele Kritiker denken.

Fußball ist ein einfaches Spiel. Er kann ein Beispiel für die Gesellschaft sein. „Die Wahrheit ist aufm Platz“, heißt einer der bekanntesten Sprüche. Kein Trainer einer E- oder D-Jugend verzichtet heute mehr auf einen Ahmed oder Jalal, weil sie türkische oder arabische Eltern haben. Wer am Ball gut ist, der spielt. Was zählt, ist die Leistung, nicht die Herkunft. Das Ziel, Spaß zu haben und zu gewinnen, verbindet sie.

Dieses Ziel gilt auch für Deutschland. Zusammenstehen, zusammen erfolgreich sein. Nicht die Zuwanderungsgeschichte entscheidet, sondern die Bereitschaft, sich ins Zeug zu legen. Özil, Boateng und Khedira haben dies vermittelt. Deshalb war die Weltmeisterschaft trotz der Niederlage gegen Spanien ein voller Erfolg.

VON CLAUDIA KRAMER-SANTEL, MÜNSTER

10 · 07 · 10


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